Tuberkulose-Situation in Bayern 2020

Im Jahr 2020 wurden nach dem Infektionsschutzgesetz (IfSG) insgesamt 605 Tuberkulose-Fälle an das LGL übermittelt (Datenquelle SurvNet, Datenstand 01.03.2021). Diese Fallzahl entspricht einer Inzidenz von 4,6 Fällen pro 100.000 Einwohner.

Zeitlicher Verlauf

Die Meldezahlen waren seit dem Jahr 2002 mit über 1100 Neuerkrankungen bis zum Jahr 2007 fast kontinuierlich zurückgegangen. In den Jahren 2007 bis 2014 bewegte sich die jährliche Fallzahl mit gewissen Schwankungen auf einem Plateau zwischen ca. 600 -700 Meldungen. Für das Jahr 2015 war aufgrund der Migrationsbewegungen mit 1047 Fällen gegenüber 691 Fällen im Vorjahr erstmals wieder eine deutliche Zunahme der Meldungen auf ein ähnlich hohes Niveau wie zuletzt im Jahr 2003 (1023 Fälle) zu beobachten. Während im Jahr 2016 mit 1038 Fällen noch eine ähnlich hohe Anzahl zu verzeichnen war, ergab sich ab dem Jahr 2017 (857 Fälle) wieder ein anhaltender Rückgang der Meldungen. In den Jahren 2018 und 2019 wurden 848 Fälle und 751 Fälle, für das Jahr 2020 zum Stichtag 01.03.2021 605 Fälle an das LGL übermittelt (Abb.1).

 

In einem Säulendiagramm sind die gemeldeten Tuberkulose-Neuerkrankungen in Bayern für die Jahre 2001 bis 2020 dargestellt (Datenquelle: SurvNet; Datenstand: 01.03.2021) Bild vergrössern

Abb. 1: Anzahl übermittelter Tuberkulose-Neuerkrankungen in Bayern für die Meldejahre 2001-2020 (Datenquelle: SurvNet; Datenstand: 01.03.2021)



Geographische Verteilung

Die höchste Tuberkulose-Inzidenz in Bayern wurde im Meldejahr 2020 im Regierungsbezirk Mittelfranken verzeichnet mit 6,25 Fällen pro 100.000 Einwohner, gefolgt von Oberfranken mit einer Inzidenz von 6,2 Fällen pro 100.000 Einwohner. Für Oberbayern ergab sich eine Inzidenz von 4,86, für Schwaben von 4,69 und für Niederbayern von 4,5. Die niedrigsten Inzidenzen mit 2,25 bzw. 2,2 Fällen pro 100.000 Einwohner wiesen die Oberpfalz und Unterfranken auf. Die Inzidenz für Bayern gesamt betrug 4,6 Fälle pro 100.000 Einwohner (s. Tabelle 1).

Tab. 1: Anzahl und Inzidenzen (Fälle/100.000 Einwohner) übermittelter Tuberkulose-Neuerkrankungen in Bayern für das Meldejahr 2020, aufgeschlüsselt nach Regierungsbezirken (Datenquelle: SurvNet; Datenstand: 01.03.2021)

Regierungsbezirk 2020
Anzahl (n) Inzidenz
 Mittelfranken 111 6,25
 Niederbayern 56 4,5
 Oberbayern 229 4,86
 Oberfranken 66 6,2
 Oberpfalz 25 2,25
 Schwaben 89 4,69
 Unterfranken 29 2,2
Bayern gesamt 605 4,6

Demographische Verteilung

Insgesamt wurden wie in den Vorjahren auch im Jahr 2020 Tuberkulose-Erkrankungen deutlich häufiger bei Männern als bei Frauen gemeldet (379 gegenüber 224 Erkrankungsfällen, Inzidenz 5,82 bzw. 3,39 Fälle/100.000 Einwohner, 2 Fälle ohne Angabe).

Die altersgruppierten Inzidenzen (s. Abbildung 2) zeigten einen Hauptgipfel bei Männern der Altersgruppe 20-24 Jahre, gefolgt von den Altersgruppen 25-29 Jahre, 30-39 Jahre sowie den Männern ab 70 Jahren und Jugendlichen der Altersgruppe 15-19 Jahre.
Bei Frauen ergaben sich ebenfalls Inzidenzgipfel in den Altersgruppen 20-24 Jahre, 25-29 Jahre und 30-39 Jahre sowie bei Personen ab 80 Jahren und älter.
23 Fälle (3,8 % der gemeldeten Tuberkulose-Fälle) traten bei Kindern unter 15 Jahren auf mit einer Inzidenz von 1.28 Fällen pro 100.000 Einwohnern. Es waren 11 männliche und 12 weibliche Kinder betroffen.

In einem Säulendiagramm sind die Inzidenzen übermittelter Tuberkulose-Neuerkrankungen in Bayern (d.h. Fälle pro 100.000 Einwohner) für das Meldejahr 2020 aufgeschlüsselt nach Altersgruppen und Geschlecht dargestellt (Datenquelle: SurvNet; Datenstand: 01.03.2021) Bild vergrössern

Abb. 2: Inzidenz (Fälle/100.000 Einwohner) übermittelter Tuberkulose-Neuerkrankungen in Bayern 2020 aufgeschlüsselt nach Altersgruppen und Geschlecht (Datenquelle: SurvNet; Datenstand: 01.03.2021)


Angaben zum Geburtsland der Erkrankten lagen bei 577 von 605 Fällen (95,4%) vor. Dabei betrafen 182 Fälle (31 %) in Deutschland gebürtige Personen, 395 Fälle Patienten mit ausländischem Geburtsland.

Für im Ausland Geborene zeigten sich in der Altersspanne von 15-49 Jahren deutlich höhere Inzidenzen als bei den in Deutschland Gebürtigen im gleichen Altersbereich. Der Hauptgipfel lag bei der Altersgruppe der 20-24jährigen gefolgt von weiteren Gipfeln bei den Altersgruppen der 25-29jährigen, den 30-39jährigen, den 15-19jährigen und den 40-49jährigen. Umgekehrt fanden sich höhere Inzidenzen bei in Deutschland geborenen Erwachsenen ab einem Alter von 60 Jahren mit Inzidenzgipfeln in den Altersgruppen ab 70 bzw. 80 Jahren. Bei den letzteren beiden Altersgruppen nahmen die Inzidenzen für Personen mit ausländischem Geburtsland mit steigendem Alter dem gegenüber ab (s. Abbildung 3).

: In einem Säulendiagramm ist die Tuberkulose-Inzidenz in Bayern (d.h. Fälle pro 100.000 Einwohner) für das Meldejahr 2020 - aufgeschlüsselt nach Altersgruppen und Geburt in Deutschland oder im Ausland - dargestellt. (Datenquelle: SurvNet; Datenstand: 01.03.2021) Bild vergrössern

Abb. 3: Inzidenz (Fälle/100.000 Einwohner) übermittelter Tuberkulose-Neuerkrankungen in Bayern für das Melde-Jahr 2020, aufgeschlüsselt nach Altersgruppe und Geburt in Deutschland oder im Ausland (Datenquelle: SurvNet; Datenstand: 01.03.2021)


 

Klinische Aspekte

Die Lunge wurde bei 438 (72,5%) der übermittelten Tuberkulose-Erkrankungen als hauptsächlich betroffenes Organ angegeben (3 Fälle ohne Angabe zum Organ). Davon wiesen 57 Fälle (13 %) die geschlossene (nicht-infektiöse) Form auf. Bei den offenen Tuberkulosen handelte es sich in 217 Fällen (49%) um die besonders infektiöse Form mit positiver Mikroskopie (mikroskopischer Nachweis von säurefesten Stäbchen in Untersuchungsmaterial aus den Atemwegen).

Bei den 164 (27 %) ausschließlich extra-pulmonalen, nicht-infektiösen Erkrankungen waren anteilsmäßig die Lymphknoten - extrathorakal 65 Fälle, intrathorakal 28 Fälle - und die Pleura mit 18 Fällen die am häufigsten befallenen Organe, gefolgt von Knochen und Gelenken (einschließlich Wirbelsäule - 23 Fälle) sowie Peritoneum/Verdauungstrakt (11 Fälle). Eine disseminierte Tuberkulose wurde in 2 Fällen und ein Befall des ZNS (einschließlich Hirnhaut) wurde in 5 Fällen übermittelt.

Insgesamt 17 Patienten (davon 6 weiblich) verstarben an ihrer Tuberkulose. Dies entspricht einer Letalität von 2,7%. Betroffen waren im Meldejahr 2020 wie in den Vorjahren überwiegend ältere Personen ab 65 Jahren (12 von 17 Fällen). Hauptsächlich betroffenes Organ bei den Verstorbenen war jeweils die Lunge (1 Fall ohne Angabe).

Eine multiresistente Tuberkulose (MDR-TB; gleichzeitige Resistenz gegenüber den beiden wichtigsten Tuberkulose-Medikamenten Isoniazid und Rifampicin) wurde für 14 Fälle berichtet, eine extensiv resistente Tuberkulose (XDR-TB, gleichzeitige Resistenz gegenüber Isoniazid, Rifampicin und weiteren wichtigen Reserve-Medikamenten) lag nur in einem Fall vor.

Nachgewiesene Erreger

Angaben zum Erreger lagen bei insgesamt 520 (86 %) von 605 Tuberkulose-Fällen vor. Mit 439 Fällen (84%) war M.tuberculosis die häufigste nachgewiesene Spezies, gefolgt von M.africanum (3 Fälle; 0,6%), M.bovis (2 Fälle; 0,4%) sowie M.bovis caprae (2 Fälle; 0,4%). 74 Fälle (14 %) wurden als M.tuberculosis-Komplex ohne weitere Differenzierung übermittelt.

Resistenz

Multiresistente Erreger (sog. Multi-Drug-Resistance - MDR - gleichzeitige Resistenz gegenüber den beiden wichtigsten Tuberkulose-Medikamenten Isoniazid und Rifampicin) wurde in 11 Fällen (2,5% aller Isolate) festgestellt (2019: 16 Fälle; 2,7% aller Isolate). Dabei lag nur in einem Fall (2019: 2 Fälle) eine extensiv resistente Tuberkulose (XDR-TB, gleichzeitige Resistenzen gegenüber Isoniazid, Rifampicin und zusätzlich wichtigen Reserve-Medikamenten) vor.

Fazit

Nach einem deutlichen Anstieg der Tuberkulose-Fallzahlen in den migrationsintensiven Jahren 2015 und 2016 sind die Meldezahlen seit 2017 wieder rückläufig. Wie auch in den Vorjahren waren Männer häufiger von Tuberkulose betroffen. Ein Großteil der gemeldeten Fälle war nicht in Deutschland geboren. Der beständig hohe Anteil an übermittelten infektiösen Erkrankungen in Bayern zeigt, dass die Tuberkulose nach wie vor eine relevante Public Health-Herausforderung darstellt. Eine zeitnahe Diagnose der Tuberkuloseerkrankung sowie eine stringente Umsetzung der Empfehlungen zu Umgebungsuntersuchungen, zur Prävention und zur Therapie der Tuberkulose sind essentiell, um weitere Fortschritte in der Tuberkulosekontrolle zu erzielen.

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