Behördenbezeichnung mit Staatswappen: Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Nichtinfektiöse Krankheiten

Extreme Wetter- und Witterungsereignisse (wie z. B. Hitzeperioden, schnelle Temperaturänderungen, Überschwemmungen), die im Zuge des Klimawandels vermehrt auftreten, können den menschlichen Organismus belasten und klinisch relevante Symptome hervorrufen oder verstärken.

Herz-Kreislauferkrankungen

Hitzewellen können beim menschlichen Organismus zur sog. Hitzeerschöpfung führen, die mit starkem Schwitzen und Durstgefühl sowie Erschöpfungszuständen einhergeht. Die Hitzeerschöpfung kann sich bis zum Hitzschlag steigern. Bei beständig hohen Temperaturen sinkt der Blutdruck, da sich die Blutgefäße weiten. Nehmen Patienten blutdrucksenkende Medikamente, kann dieser Effekt noch verstärkt werden und zu Schwindel, Schwächeanfällen und im schlimmsten Fall zu einem Kreislaufkollaps führen. Es ist ferner bekannt, dass sich bei hohen Lufttemperaturen u. a. die Blutgerinnung (Hämostase) verändern kann und damit das Thromboserisiko ansteigt. Steigen die Außentemperaturen von einem auf den nächsten Tag um mehr als fünf Grad, wächst die Herzinfarktgefahr für Menschen mit Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen um rund 60%. Für diese Menschen besteht auch ein erhöhtes Herzinfarktrisiko, wenn die Temperatur wieder stark abfällt oder der Luftdruck stark schwankt. Auch für niedrige Temperaturen (z.B. bei sog. „Kältewellen“ im Winter) wurde ein Zusammenhang mit der Häufung von kardiovaskulären Ereignissen und Schlaganfällen berichtet.

Betroffen sind vor allem ältere Personen, da diese häufiger auch an anderen Krankheiten leiden und dadurch die Sensitivität auf thermische Belastungen erhöht ist. Als besonders gefährdete Personenkreise gelten auch Kleinkinder, die sich schlechter an Temperaturveränderungen anpassen können, sowie Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauferkrankungen oder Diabetes.

Durch einen Anstieg der Hitzewellen pro Jahr ist mit einer Zunahme der beschriebenen Herz- Kreislauferkrankungen zu rechnen. Dem gegenübersteht, dass ein Rückgang der kalten Tage zu erwarten ist, wodurch es wiederrum zu weniger kältebedingten Todesfällen kommen wird.

Während und vor allem nach Hitzewellen lässt sich der sog. „Harvesting-Effekt“ beobachten. Bei multimorbiden, schwerkranken bzw. bettlägerigen Personen mit einem hohen Sterberisiko (unabhängig vom Wetter- bzw. Witterungsgeschehen) scheint es zu einer Vorverlegung des Todeszeitpunktes kommen zu können. In 2003 wurde beobachtet, dass die Mortalitätsrate während einer Hitzewelle deutlich über dem Erwartungswert liegt und nach Normalisierung der Temperaturen unter diesen Wert fällt.

Haut- und Augenkrankheiten

Die erwarteten höheren Jahresdurchschnittstemperaturen könnten dazu führen, dass sich Menschen häufiger und länger leichtbekleidet im Freien aufhalten und dadurch vermehrt der solaren UV-Strahlung ausgesetzt sind. UV-Strahlung kann akute und chronische gesundheitliche Folgen haben:

Akute gesundheitliche Folgen der UV-Strahlung:

  • Akute Schädigungen zeigen sich unter anderem an den Augen in Form von Bindehaut- und Hornhautentzündungen.
  • Bei der Haut sind dies Sonnenbrand, sog. „Sonnenallergien“ (Polymorphe Lichtdermatose), phototoxische und photosensibilisierende Reaktionen.

Chronische gesundheitliche Folgen der UV-Strahlung:

Hinsichtlich chronischer Schädigungen des Auges ist die übermäßige UV-Bestrahlung einer der auslösenden Faktoren für den „Grauen Star“ (Katarakt). UV-Strahlung wird auch mit Netzhautveränderungen und der Makuladegeneration (Erkrankung der Netzhaut) in Zusammenhang gebracht.

Übermäßig der UV-Strahlung ausgesetzte Haut kann langfristig vorzeitig altern und weißen oder schwarzen Hautkrebs entwickeln. Hautkrebserkrankungen können, insbesondere, wenn sie metastasieren (wie das maligne Melanom und sehr selten auch der weiße Hautkrebs), zum Tode führen. Als Risikofaktor für weißen Hautkrebs gilt die Höhe der kumulativen Sonnenexposition eines Menschen (UV-Lebenszeitkonto), für den schwarzen Hautkrebs sind Hauttyp und wiederholte Sonnenbrände in jedem Alter entscheidend.

Seit den 1970er Jahren nahm in Bayern die Anzahl der Neuerkrankungen an Hautkrebs stetig zu. Neben einem veränderten Meldeverhalten (kostenloses Hautkrebsscreening) wird als Hauptursache auch das veränderte Freizeitverhalten mit vermehrtem Aufenthalt im Freien (z.B. Wandern) und damit erhöhter UV-Exposition großer Teile der Bevölkerung diskutiert. Die steigenden Jahresdurchschnittstemperaturen könnten dazu führen, dass sich Menschen zukünftig häufiger und länger leichtbekleidet im Freien aufhalten und damit länger gegenüber UV-Strahlung exponiert sind. Die Folge könnte ein Anstieg der Hautkrebs-Inzidenzrate sein.

Chronische Atemwegserkrankungen

Die Luftschadstoffe Ozon und Feinstaub (PM 10, PM 2,5) wirken sich auf chronische respiratorische Erkrankungen wie Asthma und die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) aus. Diese Schadstoffe können z.B. akute Verschlechterungen der COPD auslösen.

Aufgrund komplexer Zusammenhänge in der Atmosphäre (Emission von Vorläufer-Verbindungen, die zur Bildung der Schadstoffe führen, Temperaturabhängigkeit chemischer Reaktionen, trockene und nasse Deposition, meteorologische Prozesse) ist jedoch eine Prognose der zukünftigen Luftqualität und des Effekts auf chronische Atemwegserkrankungen mit großer Unsicherheit behaftet.

Effekte durch kurzzeitige Extremereignisse hingegen, die in Verbindung mit dem Klimawandel stehen, wie lange Hitzeperioden oder Waldbrände, werden zu einem Anstieg der Konzentrationen von Luftschadstoffen führen. Während langer Hitzeperioden kommt es oft zu einer Stagnation der Luftmassen und die Reinigung der Luft durch Niederschläge bleibt aus. Beides führt zu einer Anreicherung von Luftschadstoffen. Sollte es im Zuge des Klimawandels auch in Bayern durch langanhaltende Trockenheit zu Waldbränden kommen, werden vor allem Asthmakranke, beispielsweise durch einen Anstieg der respiratorischen Symptomen, betroffen sein.

Psychische Erkrankungen

Zu extremen Witterungsereignissen gehören u.a. auch extreme Niederschlagsmengen, die in ihrer Häufigkeit und Intensität zunehmen werden. Diese Ereignisse können die psychische Gesundheit der betroffenen Bevölkerung gefährden. Das Auftreten von Angststörungen, depressiven Erkrankungen und posttraumatischen Stresserkrankungen werden in diesem Zusammenhang in der Literatur beschrieben. Psychische Symptome, die direkt nach einem extremen Wetterereignis auftreten, können als eine normale Reaktion auf ein abnormales Ereignis betrachtet werden. So können sich sekundäre Stressoren, wie Konflikte mit Versicherungen, Baufirmen oder in sozialen Beziehungen sowie ökonomische Probleme auf die Psyche auswirken. Die erneute Konfrontation mit starken Regenfällen kann Sorgen, Ängste und Panik bezüglich möglicher Fluten in der Zukunft auslösen. Hiermit wird bei Betroffenen oft die Bedeutung des eigenen Heims, die Identifikation mit der Heimat/-stätte und damit verbundenen Erinnerungen (z. B. Verlust persönlicher Gegenstände) verknüpft. Kritisch wird es, wenn Symptome über einen längeren Zeitraum hinweg bestehen bleiben und betroffene Personen Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) oder Depressionen entwickeln.

Unfälle

Im Straßenverkehr und bei Sport im Freien, wie bespielweise beim Bergsport wird ein Zusammenhang zwischen einem Anstieg von Lufttemperatur und –Feuchte und der Zunahme von Unfällen vermutet. Erste Studien aus den USA, Verkehrsunfalldaten des Statistischen Bundesamtes sowie Daten des Deutschen Alpenvereins zu Bergnotfällen weisen auf einen solchen Zusammenhang hin.

Zusammengefasst

  • Bestehende Herz-Kreislauferkrankungen können sich im Zuge von Hitzewellen verschlimmern.
  • Vermehrter Aufenthalt im Freien durch einen Anstieg der Temperaturen kann durch eine damit einhergehende höhere UV-Exposition zu einem Anstieg an Haut- und Augenkrankheiten führen.
  • Chronische Atemwegserkrankungen können sich durch einen Anstieg der Luftverschmutzung verschlimmern. Modellrechnungen zu künftigen Veränderung der Luftverschmutzung sind jedoch mit großer Unsicherheit behaftet.
  • Überschwemmungen als Folge eines Starkregenereignisses können sich negativ auf die psychische Gesundheit von Betroffenen auswirken und bspw. Angststörungen, depressive Erkrankungen oder posttraumatische Belastungsstörungen auslösen.
  • Unfälle im Straßenverkehr, sowie bei Sport im Freien, beispielsweise in den Bergen scheinen mit einem Anstieg der Temperatur sowie der Luftfeuchte in Zusammenhang zu stehen.

Beispiele finden Sie auf der Seite "Nichtinfektiöse Krankheiten - Umsetzung von Klimaanpassung (Beipiele)".

Hier finden Sie weiterführende Literatur.