Lyme-Studie
1) Hintergrund
Lyme-Borreliose ist die häufigste, die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) die zweithäufigste durch Zecken übertragene Infektionskrankheit in Deutschland.
Während gegen FSME eine Impfung zur Verfügung steht, ist in Deutschland bislang keine Impfung zum Schutz vor einer Lyme-Borreliose verfügbar. Individuellen Maßnahmen zum Schutz vor Zecken kommen damit eine entscheidende Rolle für die Prävention von zeckenübertragenen Erkrankungen zu. Neben der Inanspruchnahme der FSME-Impfung zielen Maßnahmen zur Verhinderung einer zeckenübertragenen Erkrankung auf die Vermeidung von Zeckenstichen ab. Während es bei einem Stich einer mit dem FSME-Virus infizierten Zecke schnell zu einer Übertragung des Virus kommen kann, werden Bakterien des Borrelia burgdorferi Komplexes, die eine Lyme-Borreliose auslösen können, erst nach einiger Zeit des Saugens der Zecke übertragen. Die frühzeitige Entdeckung und Entfernung der Zecke kann daher im Falle der Lyme-Borreliose gegebenenfalls noch einen möglichen Schutz vor einer Infektion bieten.
Der Großteil der Infektionen mit Borrelia burgdorferi verläuft symptomlos. Lyme-Borreliose-Erkrankungen sind bei rechtzeitiger Antibiotikagabe in aller Regel erfolgreich therapierbar, wohingegen FSME nur symptomatisch therapiert werden kann. Die Wahrscheinlichkeit an einer Lyme-Borreliose zu sterben ist sehr gering, jedoch besteht durch die Vielzahl an Lyme-Borreliose-Erkrankungen eine hohe Krankheitslast. Bei symptomatischen Verläufen tritt in der initialen Krankheitsphase bei einem Großteil die für die Lyme-Borreliose charakteristische Wanderröte (Erythema migrans, 80–90 %) auf, teils in Verbindung mit allgemeinen Krankheitszeichen. Die Lyme-Borreliose betrifft insbesondere die Haut (Wanderröte, Borrelien Lymphozytom oder Acrodermatitis chronica atrophicans (ACA)), das Nervensystem (Neuroborreliose), die Gelenke (Lyme Arthritis) oder das Herz (Lyme-Karditis).
Bei der FSME verläuft eine Infektion bei einem großen Anteil symptomfrei oder mild, mit allgemeinen Krankheitssymptomen. Allerdings kann es zu einer zweiten Krankheitsphase und zu schweren Verläufen kommen, wie zu einer Hirnhaut- und Gehirnentzündung (Meningoenzephalitis, ca. 10 %) und in der Folge zu Komplikationen oder Langzeitfolgen. Bei Erwachsenen trifft dies häufiger zu als bei Kindern. Ca. 1 % der FSME-Fälle verstirbt. Über 98 % der in Deutschland gemeldeten Fälle sind nicht oder unzureichend geimpft. Das Risiko eines Zeckenstichs besteht in erster Linie durch im Freien verbrachte Zeit, wobei die Wahrscheinlichkeit eines Zeckenkontakts maßgeblich durch die Aufenthaltsorte sowie die Art der Aktivität bzw. der eigenen Verhaltensweisen beeinflusst wird. Denn die als „gemeiner Holzbock“ bezeichnete Zeckenart Ixodes Ricinus, die hierzulande hauptsächlich für die Übertragung von Borrelia burgdorferi und des FSME-Virus verantwortlich ist, kommt vornehmlich in Wäldern mit dichtem Unterholz und üppigem Bewuchs vor, ebenso an Waldgrenzen sowie in buschreichen Bereichen und Flusstälern. Zecken halten sich dort in der Vegetation auf und warten darauf, von einem potenziellen Wirt abgestreift zu werden. Auf festen Wegen zu bleiben, verringert daher das Risiko, mit der Vegetation und Zecken in Kontakt zu kommen. Lange Kleidung und das Abdichten potenzieller Eintrittswege (z. B. Hose in Socken stecken) erschweren es der Zecke an Hautstellen zu gelangen. Helle Kleidung erleichtert zudem das Entdecken von Zecken. Für die Zeckenabwehr geeignete Repellentien können unterstützen, sich beim Aufenthalt im Freien vor Zecken zu schützen. Weitere Informationen zu Zecken und durch Zecken übertragene Erkrankungen finden Sie unter den rechts aufgeführten Links sowie auf den Verlinkungen am Ende dieser Webseite.
2) Vorgehen
Trotz des hohen Vorkommens von Zecken und zeckenübertragenen Erkrankungen in Bayern ist kaum etwas bekannt über das Wissen, die Einstellung und das Verhalten in der Bevölkerung diesbezüglich. Um eine Grundlage für zielgerichtete Präventionsmaßnahmen zu schaffen, befragte das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) im Jahr 2019 Fälle von Lyme-Borreliose, die den Gesundheitsämtern gemäß bayerischer Verordnung gemeldet wurden. Konkret wurden Wissensfragen gestellt, aus denen ein Wissenslevel zu dem Themenkomplex Zecken und zeckenübertragene Erkrankungen abgeleitet wurde. Einstellungen betrafen das Risikoempfinden, als auch die empfundene Wirksamkeit verschiedener Schutzmaßnahmen. Zudem befragten wir Teilnehmende, wie häufig verschiedene Schutzmaßnahmen angewendet werden, und was im Falle eines Zeckenstichs getan wird. Ein gesonderter Themenkomplex widmete sich der FSME-Impfung. Wir fragten nach dem Impfstaus und den Gründen für die Inanspruchnahme bzw. Barrieren, die Teilnehmende bislang von einer Impfung abhielten.
Da es sich bei der Lyme-Borreliose-Meldepflicht um eine anonyme Meldepflicht handelt und daher – anders als gewöhnlich bei infektionsbezogenen Meldepflichten – auch den zuständigen Gesundheitsämtern keine Kontaktdaten der betroffenen Personen vorliegen, wurden zunächst Gesundheitsämter angeschrieben und darum gebeten, Studienunterlagen an den meldenden Arzt/die meldende Ärztin weiterzuleiten. Dort konnte der gemeldete Fall identifiziert und die Studienunterlagen entsprechend weitergeleitet werden.
3) Ziele
Da die Lyme-Borreliose ausschließlich über einen Zeckenstich übertragen wird, handelt es sich bei Lyme-Borreliose-Fällen um Personen, bei denen vor Eintritt der Erkrankung ein Zeckenkontakt bestanden haben muss. Studienteilnehmende stellen daher grundsätzlich eine Risikogruppe für einen Zeckenkontakt dar. Aus den Ergebnissen lassen sich ggf. Zielgruppen ableiten, die besonders von Aufklärungsmaßnahmen profitieren könnten.
Zudem war es ein Ziel herauszufinden, wie gut Lyme-Borreliose-Fälle vor Ihrer Erkrankung über Zecken und zeckenübertragene Erkrankungen informiert waren, wie sie zu dem Thema eingestellt waren und sich verhalten haben. Wie hoch die Inanspruchnahme der FSME-Impfung war und zu ergründen, warum sich Teilnehmende für oder gegen die Impfung entscheiden war ein weiteres Ziel der Studie.
Ergebnisse
Die Ergebnisse der Lyme-Studie wurden der Fachöffentlichkeit in zwei wissenschaftlichen Veröffentlichungen auf englischer Sprache zur Verfügung gestellt. Diese sind frei zugänglich unter den nachfolgenden Links verfügbar:
- Knowledge, attitudes and behaviour towards ticks and tick-borne diseases-A survey among Lyme borreliosis cases in Bavaria in 2019 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39288531/
- Tick-borne encephalitis vaccination in persons with a recent history of Lyme borreliosis: Insights from a Knowledge, Attitudes and Behaviour survey in Bavaria, Germany https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39922125/
Zudem möchten wir nachfolgend einen kurzen Überblick über die wichtigsten Ergebnisse geben.
Wissen, Einstellungen und Verhalten zu Zecken, zeckenübertragenen Erkrankungen und möglichen Schutzmaßnahmen
Die erste Veröffentlichung beschäftigt sich gezielt mit dem Wissen, den Einstellungen und dem Verhalten zu Zecken und zeckenübertragenen Erkrankungen und richtet einen besonderen Fokus auf die Lyme-Borreliose.
Fast zwei Drittel der Teilnehmenden leben in ländlichen Gebieten – mehr als doppelt so viele im Vergleich zur gesamten bayerischen Bevölkerung. Ein Fünftel der erwachsenen Teilnehmenden gab an, dass im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeiten ein Zeckenkontakt möglich ist. Zudem üben fast alle Teilnehmenden Freizeitaktivitäten aus, bei denen eine potenzielle Zeckenexposition besteht.
Entsprechend erinnerte sich die Mehrheit an Zeckenstiche in der Vergangenheit. Ein Fünftel der Erwachsenen hatte sogar bereits vor der relevanten Lyme-Borreliose-Erkrankung eine zeckenübertragene Erkrankung. Trotz der bisherigen Erfahrungen bestanden noch Wissenslücken und teils unzutreffende Annahmen bezüglich Zecken und zeckenübertragenen Erkrankungen.
Die Hälfte der Befragten wusste zum Beispiel nicht (mit Sicherheit), dass es Zeckenschutzmittel (Repellentien) gibt – eine größere Bekanntheit könnte demnach zu einer breiteren Anwendung führen. Bei einem Viertel der Befragten war das verbreitete Vorkommen der Lyme-Borreliose in Bayern nicht bekannt, was zu einem falschen Sicherheitsgefühl und dem Auslassen von Schutzmaßnahmen führen kann. Die Annahme es gäbe eine Impfung, die vor einer Lyme-Borreliose schützt (gaben 13 % an), deutet womöglich auf eine Verwechslung mit der FSME-Impfung und die Notwendigkeit einer verbesserten Kommunikation diesbezüglich hin. Zudem könnte ein verbessertes Verständnis zu Zecken – beispielsweise, dass Zecken nicht von Bäumen fallen (gaben 22 % an) und nicht fliegen können (gaben 7 % an) – die Wahl geeigneter Schutzmöglichkeiten verbessern.
Teilnehmende die bereits vorher eine zeckenübertragene Erkrankung gehabt hatten, waren nicht besser über Schutzmaßnahmen informiert im Vergleich zu Personen, die bislang keine vorherige Erkrankung angaben. Dies könnte darauf hindeuten, dass die Diagnosestellung und Behandlung nicht ausreichend dazu genutzt wurde, um über (weiterbestehende) Risiken und Schutzmaßnahmen aufzuklären.
Während fast drei Viertel der Teilnehmenden angaben, sich nach dem Aufenthalt im Freien regelmäßig nach Zecken abzusuchen, bemerkte ein Fünftel von ihnen dennoch keinen Zeckenstich, bevor sie an Lyme-Borreliose erkrankten. Diese Diskrepanz könnte teilweise dadurch entstanden sein, dass Teilnehmende in Befragungen manchmal eher angeben, was als richtig und damit erwünscht eingestuft wird. Sie zeigt aber auch, wie schwierig gründliches Absuchen sein kann – etwa, weil Zecken an schlecht überprüfbaren Körperstellen wie der Kniekehle oder am Haaransatz sitzen oder weil kleine Nymphen nur schwer zu erkennen sind. Andererseits zeigt es, wie wichtig Maßnahmen sind, die den Kontakt mit Zecken von vornherein vermeiden oder verringern, zum Beispiel indem man dichtes Unterholz meidet, auf Wegen bleibt, lange Kleidung trägt oder Repellentien verwendet.
In unserer Studie nutzten Teilnehmende mit einem besseren Wissensstand zu Zecken/zeckenübertragenen Erkrankungen und einem stärkeren Gefühl der eigenen Gefährdung Schutzmaßnahmen häufiger. Trotzdem wenden viele diese Maßnahmen nicht regelmäßig an – obwohl sie sich gefährdet fühlen und viele die Maßnahmen als wirksam ansehen. Deshalb ist es wichtig durch künftige Untersuchungen mehr über Gründe zu erfahren, die Menschen zur Anwendung motivieren oder sie davon abhalten.
Inanspruchnahme der FSME-Impfung
Während es für andere durch Zecken übertragene Erkrankungen keine Schutzimpfung gibt, steht zum Schutz vor FSME eine sichere und wirksame Impfung zur Verfügung. Obwohl fast ganz Bayern laut der jährlich aktualisierten Einstufungen des RKI als FSME-Risikogebiet und eine entsprechende Impfempfehlung für ganz Bayern gilt, ist die Impfquote niedrig. 2022 lag sie bei 19,6 % für die in ausgewiesenen Risikogebieten lebende Bevölkerung (Robert Koch-Institut, 2025). Der Anteil der nicht oder unzureichend geimpften Personen unter den gemeldeten FSME-Fällen in 2024 lag bei 98 %.
In der zweiten Veröffentlichung haben wir uns gezielt mit der FSME-Impfung bei Teilnehmenden beschäftigt, die kürzlich eine Lyme-Borreliose durchgemacht hatten. Wir wollten von ihnen wissen, ob sie die Impfempfehlung kennen, ob sie gegen FSME geimpft sind, warum sie sich haben impfen lassen oder warum nicht, und ob sich ihr Verhalten nach der Impfung verändert hat.
Ein großer Teil der Teilnehmenden gab an, mindestens einmal gegen FSME geimpft worden zu sein (68 %). Von den Geimpften berichteten fast zwei Drittel, regelmäßig Auffrischimpfungen zu erhalten (62 %). Ob jemand bereits Zeckenstiche oder eine zeckenübertragene Krankheit hatte – selbst oder im Umfeld – hing nicht mit dem Impfstatus zusammen. Personen die mehr über Zecken und zeckenübertragene Erkrankungen wussten sowie Zeckenstiche und eine zeckenübertragene Erkrankung für wahrscheinlicher und gefährlicher hielten, waren hingegen häufiger geimpft.
Hauptgründe für die Inanspruchnahme der FSME-Impfung war es in einem FSME-Risikogebiet zu leben, der häufige Aufenthalt in Gebieten mit Zeckenvorkommen und eine ärztliche Empfehlung. Der hohe Anteil der Teilnehmenden die angaben, erst durch die medizinische Impfberatung auf das FSME-Risiko in ihrem Landkreis (43 %) bzw. auf das Risiko zeckenübertragener Erkrankungen im Allgemeinen (37 %) aufmerksam geworden zu sein, verdeutlicht das Präventionspotential durch eine erhöhte Aufmerksamkeit/Bekanntheit von FSME-Risikogebieten, zeckenübertragener Erkrankungen allgemein und der FSME-Impfung, v.a. durch medizinisches Personal.
Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden (54 %) machte sich nach der FSME-Impfung weniger Sorgen um Zeckenstiche, wobei die Anwendung von Schutzmaßnahmen bei Erwachsenen danach häufiger abnahm. Auch wenn ein geringeres Risikoempfinden für FSME nach der Impfung verständlich ist, ist die Anwendung von Maßnahmen zum Schutz vor anderen zeckenübertragenen Erkrankungen, wie der Lyme-Borreliose, weiterhin wichtig. Da der zur Vereinfachung verwendete Begriff „Zeckenimpfung“ leicht zu Missverständnissen führt, sollte in der Impfberatung klar von der „FSME-Impfung“ gesprochen und auf andere zeckenübertragene Erkrankungen sowie die weiterhin notwendigen Schutzmaßnahmen hingewiesen werden.
Die am häufigsten genannten Barrieren bei ungeimpften Teilnehmenden waren Skepsis gegenüber Impfungen, Angst vor Nebenwirkungen und eine geringe Risikowahrnehmung. Erwachsene nannten zusätzlich, sich bisher keine Gedanken darüber gemacht zu haben, während Eltern häufiger angaben, dass ihnen für ihr Kind keine ärztliche Empfehlung ausgesprochen wurde. Maßnahmen, die darauf abzielen, das Vertrauen in Impfungen zu stärken und Unsicherheiten auszuräumen, scheinen wesentlich, um die häufigsten Barrieren zur Impfung zu überwinden.

