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Bayerisches Landesamt für
Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

West-Nil-Virus

Infektionen mit dem West-Nil-Virus verlaufen beim Menschen in den meisten Fällen symptomlos und nur bei etwa 20% mit grippalen Symptomen. In seltenen Einzelfällen, insbesondere bei älteren Personen mit Vorerkrankungen kann allerdings auch ein schwerer, hoch fieberhafter Krankheitsverlauf mit einer meist gutartigen Meningitis (Hirnhautentzündung) auftreten. Selten verläuft die Krankheit als Enzephalitis (Gehirnentzündung), die zu bleibenden neurologischen Schädigungen führen kann und bisweilen tödlich endet. In Deutschland ist bisher noch kein autochthoner (in Deutschland erworbener) Fall von West-Nil-Fieber (WNF) beim Menschen bekannt geworden. Das Reservoir für das West-Nil-Virus sind Vögel.

Ätiologie

Das West-Nil-Virus (WNV) gehört zum Genus Flavivirus der Familie Flaviviridae. Es ist damit eng verwandt mit dem Gelbfiebervirus, dem Dengue-Virus, dem Frühsommermeningoenzephalitis-Virus (FSME), dem Zikavirus und dem Usutuvirus. Flaviviren sind behüllte Viren mit einsträngiger RNA. Sie werden zur Gruppe der Arbo-Viren (arbo = arthropod borne) gerechnet, d. h. über Arthropoden, meist Stechmücken oder Zecken übertragen.

Verbreitung

Das West-Nil-Virus ist in weiten Teilen Afrikas, in Indien, Australien, aber auch im mittleren Osten, in Israel, Ägypten und der Westtürkei endemisch. Mittlerweile sind regelmäßig auch Nord-, Mittel- und Südamerika betroffen. An der amerikanischen Ostküste (New York) wurde das Virus 1999 erstmals nachgewiesen und hat sich dort rasch verbreitet. In Europa kam es in der Vergangenheit zu saisonalen Ausbrüchen oder vereinzelten Übertragungen in südeuropäischen Ländern (Iberische Halbinsel, Frankreich, Italien, Griechenland), einigen Ländern Zentraleuropas (Tschechien, Ungarn, Serbien) sowie den Schwarzmeeranrainerstaaten (Bulgarien, Rumänien, Moldawien, Ukraine, Südrussland).

Reservoir und Übertragung

Das Reservoir für das West-Nil-Virus sind Vögel, bei denen es zu einer deutlichen Virämie kommt, so dass ornithophile Stechmücken (besonders Culex-Arten) das Virus von Vogel zu Vogel weiterverbreiten. Zugvögel verschleppen das Virus in neue geographische Regionen. Viele Vogelarten werden zwar virämisch, entwickeln aber keine Krankheitssymptome. Allerdings können besonders bei Rabenvögeln (Krähen, Raben, Häher) oder Gänsen schwere, häufig tödlich verlaufende Erkrankungen beobachtet werden. Gerade im Spätsommer beteiligen sich auch Stechmücken der Gattung Aedes an der Übertragung des Virus, die insbesondere in endemischen Gebieten für die Übertragung auf Menschen und Pferde verantwortlich gemacht werden. Menschen und Pferde sind Fehlwirte mit nur geringgradiger Virämie und somit selbst keine Virusquelle für Mücken. Häufig geben aber Krankheitsfälle bei Pferden oder Häufungen toter Vögel Anlass dafür, eine aktive Fallsuche beim Menschen aufzunehmen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist bei Bluttransfusionen und Organtransplantationen sowie von der Mutter auf das Kind während der Schwangerschaft, der Geburt oder beim Stillen möglich. Autochthone, d. h. in Deutschland erworbene West-Nil-Fieberinfektionen sind bisher beim Menschen nicht nachgewiesen.

Prophylaxe

Bei Reisen in Endemiegebiete wird der Schutz vor Mückenstichen durch langärmelige Hemden/Blusen, lange Hosen bzw. am Abend Aufenthalt in geschlossenen Räumen empfohlen. Die Anwendung von Repellents und ggf. Insektiziden oder der Gebrauch von Moskitonetzen kann ebenfalls sinnvoll sein.

Ein Impfstoff ist noch nicht verfügbar.

Erkrankung des Menschen

80% der WNF-Infektionen des Menschen verlaufen symptomlos, nur bei etwa 20% treten nach einer Inkubationszeit von 2 – 14 Tagen grippeartige Symptome wie Fieber, abruptes Krankheitsgefühl, Kopf-, Muskel- und Gliederschmerzen, Lymphknotenschwellung und ein makulopapulöses Exanthem am Rumpf auf, welches nach 5 bis 7 Tagen abheilt. Mildere Krankheitsverläufe finden sich bei Kindern, schwerere Krankheitsverläufe eher bei Erwachsenen. In weniger als 1% der Fälle kommt es – vorwiegend bei älteren Patienten über 65 Jahre – zu einer neurologischen Erkrankung mit einer meist gutartig verlaufenden Hirnhautentzündung (Meningitis) oder sehr selten zu einer Gehirnentzündung (Enzephalitis) mit entsprechender Symptomatik. Das West-Nil-Fieber heilt in der Regel komplikationslos aus. Bei Enzephalitis sind Spätfolgen jedoch relativ häufig (etwa 50 %), deren Letalität beträgt 15 – 40 % und betrifft vor allem ältere Patienten.
Eine spezifische Therapie existiert nicht, die Behandlung erfolgt symptomatisch.

Diagnostik

Bei Verdacht auf West-Nil-Fieber sollte die Labordiagnostik nach Möglichkeit ein Speziallaboratorium übernehmen. Die Diagnostik erfolgt primär serologisch, also durch Nachweis virusspezifischer Antikörper in Serum- bzw. Liquorproben. Es muss beachtet werden, dass andere Flavivirusinfektionen oder Impfungen (FSME, Gelbfieber, Dengue, Japanese Enzephalitis, Usutu u. a.) zu Kreuzreaktionen führen können. Für eine abschließende Diagnose wird die Untersuchung von Verlaufsproben empfohlen, um die Serokonversion oder einen vierfachen Anstieg des spezifischen Antikörpertiters zu bestätigen. Der direkte Virusnachweis durch Virusisolierung oder PCR wird ebenfalls in der Diagnostik eingesetzt (Serum, Vollblut oder Liquor gewonnen an den allerersten Krankheitstagen oder bei Gewebeproben).

In Regionen mit bekannten WNV-Infektionen bei Tieren sollte bei Patienten mit Meningitis/Enzephalitis (v. a. Erwachsene) sowie bei Patienten mit Fieber unklarer Herkunft differentialdiagnostisch auch an eine WNV-Infektion gedacht werden.

Meldepflicht

Es besteht nach §7, Abs. 1 Infektionsschutzgesetz (IfSG) eine Meldepflicht für den direkten oder indirekten Erregernachweis.

Literatur

  • Bauerfeind R., Kimmig P., Schiefer H. G., Schwarz T., Slenczka W. und Zahner H., 2013: Zoonosen. Deutscher Ärzteverlag Köln, 4. Auflage
  • Suerbaum S., Burchard G-D., Kaufmann S. H. E. und Schulz T. F.(Hrsg.), 2016: Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie. Springer-Verlag, 8. Auflage
  • Quinn P.J., Markey B. K., Leonard F. C., FitzPatrick E. S., Fanning S. und Hartigan P. J., 2011: Veterinary Microbiology and Microbial Disease. Wiley-Blackwell, 2. Auflage