Behördenbezeichnung mit Staatswappen: Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Acrylamid in Muttermilch: Ergebnisse der Studie des LGL - Untersuchungsergebnisse 2005

Was ist Acrylamid?

Acrylamid ist eine kleine, sehr reaktionsfähige und gut wasserlösliche Verbindung, die beim Zubereiten von Lebensmitteln als Nebenreaktion der Bräunung entstehen kann. Besonders viel Acrylamid bildet sich, wenn kartoffel- und getreidehaltige Lebensmittel über 120 °C erhitzt werden. Acrylamid ist im Tierversuch krebserregend und wird von der EU als wahrscheinlich auch für den Menschen krebserregend eingestuft. Nach Aufnahme mit der Nahrung wird Acrylamid im Magen-Darm-Trakt gut resorbiert und schnell im Körper gleichmäßig verteilt. Ein großer Teil dieses reaktionsfähigen Stoffs wird dabei umgebaut oder verbindet sich zum Beispiel mit körpereigenem Eiweiß.

Was hat Acrylamid mit Muttermilch zu tun?

Mutter mit Baby

Im Jahr 2002 wurde festgestellt, dass ein geringer Teil des Acrylamids aus der Nahrung auch in die Muttermilch übergehen kann. Die wenigen bis dahin veröffentlichten Werte wiesen auf ein mögliches Risiko für gestillte Säuglinge hin. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) führte daraufhin eine Studie durch mit dem Ziel, die tatsächliche Belastung der Muttermilch mit Acrylamid zuverlässig zu erfassen. Gleichzeitig sollte eine mögliche Korrelation zwischen den Gehalten in der Muttermilch und der Acrylamid-Aufnahme durch die Nahrung geprüft werden, um gegebenenfalls Ernährungsempfehlungen für Schwangere und Stillende zur Minimierung ihrer Acrylamidbelastung formulieren zu können.

Was hat das LGL in seiner Studie untersucht?

In einem ersten Schritt entwickelte das LGL ein Untersuchungsverfahren, mit dem sich auch noch extrem geringe Acrylamidspuren - wie sie in Muttermilch zu erwarten waren - zuverlässig nachweisen und bestimmen lassen.

Durch eine Werbeaktion in den regionalen Medien und im Internet wurden stillende Mütter gebeten, ihre Milch für die Studie zur Verfügung zu stellen. Immerhin 172 Mütter folgten dem Aufruf und ließen ihre Muttermilch auf Acrylamid untersuchen. Zusätzlich füllte jede Teilnehmerin einen Fragebogen über die Ernährungsgewohnheiten aus, um daraus die Acrylamid-Gesamtbelastung ableiten zu können. Auch die Stillhäufigkeit und das Körpergewicht wurden erfasst. Jeder Mutter wurde angeboten, ihr nach Abschluss der Studie das Untersuchungsergebnis ihrer Muttermilch mitzuteilen.

Für die Probenannahme und Einsendung an das LGL wurden Lebensmittelüberwachungsbehörden der Städte und Kreise in der Nähe von Erlangen eingebunden. Dadurch konnte den Müttern ein kurzer Weg zur Probeneinsendung eröffnet werden, der meist gerne angenommen wurde. 20 Frauen nahmen auch die im LGL angebotene Möglichkeit zum Abpumpen ihrer Milch wahr.

Welche Ergebnisse liegen vor?

Wie die Abbildung 1 "Häufigkeitsverteilung" zeigt, waren die Acrylamidgehalte meist kleiner als 0,3 µg/kg und damit sehr gering. Acrylamid wird im Stoffwechsel schnell metabolisiert, in Milch bleibt dieser Stoff jedoch weitgehend unverändert erhalten. Daher wurde vermutet, dass vor allem der Vergleich der Acrylamidgehalte in der Muttermilch mit der Aufnahme in den letzten acht Stunden vor der Muttermilchabgabe eine Korrelation erkennen lässt.

Abbildung 1: "Häufigkeitsverteilung" / Acrylamid in Muttermilch (172 Proben)

Säulendiagramm: Häufigkeitsverteilung von Acrylamid in Muttermilch. Erläuterung siehe Text oben

Die Abbildung 2 "Korrelation mit der Aufnahme durch Lebensmittel" zeigt jedoch, dass kein eindeutiger Trend zu erkennen ist. Niedrige Acrylamidaufnahmen mit der Nahrung waren genauso höheren Acrylamidgehalten in der Muttermilch zuzuordnen wie aus den Fragebögen abzuleitende höhere Belastungen niedrigen Gehalten in der Muttermilch entsprachen. Wurde die Aufnahme in den letzten 24 Stunden und das Körpergewicht oder der Stillhäufigkeit mit berücksichtigt, verbesserte das die Korrelation nicht.

Abbildung 2: "Korrelation mit der Aufnahme durch Lebensmittel" / Acrylamid in Muttermilch

Grafische Darstellung der Korrelation mit der Aufnahme durch Lebensmittel von Acrylamid in die Muttermilch, Erläuterung siehe Text oben


Mögliche Erklärungen für das offensichtliche Fehlen eines Zusammenhanges zwischen der mit einem Fragebogen ermittelten Gesamtbelastung und den Acrylamidgehalten in der Muttermilch weisen in verschiedene Richtungen. Das freiwillige Ausfüllen eines Fragebogens kann zu ungenau sein. Auch sind die Acrylamidgehalte sicher von variierenden Stoffwechsellagen der verschiedenen Individuen abhängig. Darüber hinaus können bei sehr geringen Acrylamidgehalten auch andere, bisher nicht beachtete oder für weniger bedeutend gehaltene Eintragswege ausschlaggebend für tatsächlich ermittelte Konzentrationen sein. Will man den Übergang von Acrylamid aus der Nahrung in die Muttermilch exakt erfassen, sind voraussichtlich kontrollierte medizinische Studien notwendig, bei denen neben der Muttermilch auch Duplikate der Nahrung auf Acrylamid untersucht werden müssen.


Fazit: Stillende Mütter können aufatmen: Acrylamidgehalte in Muttermilch sind gering

Im Ergebnis zeigt die Studie, dass Acrylamid nur in äußerst geringen Mengen in die Muttermilch übergeht: Bei 95 % der Muttermilchproben liegen die Gehalte unter 0,35 µg/kg und damit in einem extrem niedrigen Bereich. Damit werden Säuglinge bezogen auf das Körpergewicht im Mittel etwa 10-fach weniger belastet als durchschnittliche Erwachsene. Die Gehalte der übrigen Proben liegen zwischen 0,35 und 1,26 µg/kg. Auch hier sind Säuglinge immer noch weniger belastet als Erwachsene.

Aus der durchgeführten Studie lassen sich besondere Ernährungsempfehlungen in Bezug auf die Acrylamidbelastung für Schwangere und stillende Mütter nicht ableiten. Lediglich aus grundsätzlichen Vorsorgeerwägungen kann diesem besonders zu schützenden Personenkreis empfohlen werden, auf übermäßigen Genuss höher mit Acrylamid belasteter Lebensmittel zu verzichten. Die geringe Acrylamidbelastung der Muttermilch stütz die allgemeinen Stillempfehlungen und die Bedeutung der Muttermilch als ideale Anfangsnahrung für Säuglinge.