Fachinformation:
Klassische Schweinepest (KSP) oder Europäische Schweinepest (ESP): Das klassische an der Schweinepest ist ihr untypischer Verlauf!

Wesen

Weltweites Vorkommen mit Ausnahme Australiens, der USA und Skandinaviens.
Hoch ansteckende Virusinfektion der Haus- und Wildschweine mit fieberhaftem Verlauf und ausgeprägter Blutungsneigung. Es handelt sich um eine fieberhafte Allgemeinerkrankung, die sehr unterschiedliche Krankheitsbilder und chronisch bis perakute Verläufe zeigen kann.
In Europa wird das wiederholte Auftreten von Ausbrüchen der KSP als sog. Pestzyklen:
1951--1962--1973--1984--1993--1996--2002 beobachtet.

Ätiologie

Pestivirus aus der Familie der Flaviviridae. Im Virusgenus „Pestivirus“ sind noch die Erreger der Bovinen Virusdiarrhoe BVD und der Border Disease der Schafe eingruppiert. Diese beiden Viren der Wiederkäuer haben Antigenverwandtschaft zum Erreger der KSP, so dass es zu serologischen Kreuzreaktionen kommen kann. Auch auf Genomebene gibt es eine Verwandtschaft. Das Virus der klassischen Schweinepest (Int. classical swine fever virus, CSFV) ist serologisch einheitlich, ist aber bezüglich der Virulenz und der Immunogenität der Stämme sehr unterschiedlich.

Virus der klassischen Schweinepest CSFV

Widerstandsfähigkeit

Die Tenazität ist in proteinreichem Milieu hoch. Das Virus überlebt

  • in gefrorenem Fleisch und Organen mehrere Monate bis Jahre;
  • in Pökelfleisch bis zu 3 Jahre;
  • in getrockneten Körperflüssigkeiten und Exkrementen 7-20 Tage.

In faulenden Organen bleibt es dagegen nur wenige Tage infektiös, in Harn und Kot verliert es nach 1–2 Tagen seine Infektiosität.
Das Virus ist im pH-Bereich zwischen 5 und 10 stabil und überlebt bei pH 3 30 min und es ist relativ hitzeunempfindlich und hält Temperaturen bis 60°C über 5 bis 20 Minuten aus. Eine Inaktivierung findet durch Detergentien und saure oder basische Desinfektionsmittel statt. Die Infektiosität von zellgebundenem Virus ist hoch, die Virulenz sehr stark wechselnd, wodurch es zu vielseitigen Manifestationen und zum typischen wie atypischen Verlauf kommen kann. Andere Spezies als das Schwein sind nicht für das Virus empfänglich.
Die Infektion findet hauptsächlich oral, aber auch über den Respirationstrakt und genital statt.

Pathogenese

Man unterscheidet drei Phasen.
Die erste Vermehrungsphase findet im lymphoretikulären Gewebe der Eintrittspforte statt (Lymphknoten-Tonsillen). Es schließen sich die virämische und schließlich die Organphase an. Der früheste Virusnachweis im Blut ist nach 15–24 Stunden möglich. Die höchste Viruskonzentration ist nach einer Woche zu erwarten.
Die Inkubationszeit beträgt 1-3 Tage, kann aber bis zu 5 Wochen dauern. Bereits nach einem Tag, also noch während der Inkubationszeit, kann Virus ausgeschieden werden.
Die Virusausscheidung erfolgt über alle Sekrete (Milch, Speichel, Nasen-, Augensekret) und Exkrete (Harn, Kot). Die Ausscheidung kann bei chronischen Erkrankungen über Monate (bis zu 200 Tage) andauern. Nach intrauteriner Infektion kann es zu persistierenden Infektionen kommen. Diese Ferkel scheiden, obwohl sie klinisch gesund erscheinen, lebenslang Viren aus und sterben meist erst im Alter von einem Jahr, die längste berichtete Überlebensdauer eines peristent infizierten Ferkels wird mit 11 Monaten angegeben.

Serumantikörper sind erstmals 7-11 Tage post infectionem nachweisbar und hauptsächlich gegen das E2 Glykoprotein, das sezernierte ERNS und das Nicht-Strukturprotein NS3 gerichtet.
Innerhalb eines Bestandes findet die Übertragung hauptsächlich von Tier zu Tier statt. Die Einschleppung in den Bestand kann über ungenügend erhitzte Futtermittel (Speiseabfälle), direkt und indirekt über Vektoren und auch über Insekten erfolgen. Wildschweine und daraus hergestellte Produkte können eine permanente Infektions-gefahr darstellen. Eine Übertragung über die Luft wird diskutiert. Im Zusammenhang mit der Generalisierung kommt es 3 Tage post infectionem zu einer Leukopenie, mit starkem Abfall der B-Lymphozytenzahlen jedoch mit einer relativen Lymphozytose. Einige Tage nach der Infektion entwickeln sich degenerative Gefäßschädigungen und es kommt zu Blutungen. Diese sind auch Folge einer Verbrauchskoagulopathie und von lokalen und allgemeinen Zirkulationsstörungen. Der Tod tritt durch Kreislaufversagen, Gefäßläsionen und reaktive Veränderungen im ZNS ein.
Eine diaplacentare Infektion ist auch bei schwach virulenten Erregern zu erwarten, Embryonaltod und Fetopathien sind die Folge. Die leichte Übertragung und Verbreitung und die oft längere Zeit unerkannt bleibende Infektion machen die KSP so gefährlich und die Bekämpfung problematisch. Gefährliche Ansteckungsquellen sind Schweine mit klinisch unauffälligen und chronischen Verlaufsformen.

Klinik

Die Schweinepest ist immer eine septikämische Erkrankung!
Das klinische Bild variiert durch die unterschiedliche Virulenz der Erreger, die unterschiedliche Reaktions- und Immunitätslage der Wirte sowie durch unterschiedliche Sekundärinfektionen.

Perakuter Verlauf

Plötzliche Todesfälle ohne weitere Symptomatik.

Akuter Verlauf

Es tritt hohes Fieber zwischen 40,0 und 41,5°C auf, Begleitsymptome sind Mattigkeit, Anorexie und Hinterhandschwäche. Bei Ferkeln kann es zum schwankenden Gang. Die Augenlider können geschwollen sein, es kann seromuköser Augenausfluss zusammen mit mukösem Nasenausfluss auftreten. Zu Beginn der Erkrankung kommt es bei älteren Tieren zu Verstopfung mit hart geballtem Kot (Fieberkot). Im weiteren Verlauf tritt Durchfall, der gelb-grünlich, manchmal blutig sein kann, auf. Es werden auch krampfartige Zustände beobachtet. Pneumonie mit Husten ist ebenfalls oft zu beobachten.
Apathie, hämorrhagische Diathese mit punkt- bis knopfgroßen Blutungen, die zu Ekchymosen zusammenfließen, sind deutlich auf Schweinepest hinweisend, ebenso Leukopenie bei relativer Lymphozytose.
Die Letalität schwankt zwischen 30 und 100 %.

Chronischer Verlauf

Kümmern, Ataxie, hohe Aufzuchtverluste, Fertilitätsstörungen, embryonaler Fruchttod, Mumifikationen, Aborte in jeder Phase der Trächtigkeit, Totgeburten oder die Geburt lebensschwacher Ferkel, aber auch gesunder immuntoleranter Ferkel sind möglich. Appetitlosigkeit und Abmagerung der Schweine unter häufigem Wechsel zwischen Durchfall und Verstopfung sind hindeutende Symptome. Die Letalität ist gering.
Kongenitale Infektionen manifestieren sich durch kleine Würfe, Fruchttod, Mumifikationen, Früh- und Totgeburten. In utero infizierte Ferkel kümmern.

Subklinischer Verlauf

Die inapparente oder atypische Form verläuft immer mild und protrahiert, oft auch symptomlos. Eine lang dauernde Virämie ist möglich.

Klinische Diagnose

Anhaltende, therapieresistente Temperaturerhöhung (> 40° Celsius) bei mehreren Tieren ist Grund genug, einen Verdacht auf Schweinepest zu äußern und entsprechende Laboruntersuchungen einzuleiten.
Zentralnervöse Störungen wie schwankender Gang, Ataxie und Parese, fieberhafter Durchfall, Fruchtbarkeitsstörungen von Umrauschen bis zum Abort sollten an Pest denken lassen.
Auch punktförmige Blutungen, eine Leukopenie bei relativer Lymphozytose und Neutropenie weisen auf eine Infektion mit Schweinepestviren hin und machen eine weitere Untersuchung dringend notwendig.
Die Diagnose muss aber immer mikrobiologisch abgesichert werden.
Für den Kliniker ist der Satz von Diernhofer wichtig: Das typische an der Schweinepest ist ihr untypischer Verlauf.
Das heißt, an Schweinepest ist eigentlich immer zu denken und gegebenenfalls auch die mikrobiologische Diagnostik einzuleiten.

Labordiagnose

Wegen der Anzeigepflicht und der laufenden Eradikationsbestrebungen in der EU ist die schnelle und spezifische virologische Diagnose essentiell. Aus diesem Grund hat heute der Genomnachweis des Virus mittels RT-PCR (Reverse Transkriptions Polymerase Kettenreaktion) zentrale Bedeutung. Was die Sensitivität und Spezifität betrifft ist die RT-PCR unübertroffen, allerdings kann keine Aussage über die Vermehrungsfähigkeit des Virus gemacht werden. Deshalb und zur Absicherung eines PCR-Ergebnisses ist der Versuch einer parallel laufenden Virusisolierung in permissiven Zellkulturen immer anzuraten. Auf Grund der oft geringen Virusmengen im peripheren Blut ist heute der RT-PCR Nachweis, am besten als sog. „real time“ PCR, die Methode der Wahl.

Pathologischer Befund

Petechiale Blutungen, Milzinfarkte, marmorierte Lymphknoten.
Nach der Schweinepestverordnung liegt ein Verdacht des Ausbruches der Schweinepest vor, wenn das Ergebnis

  • der klinischen,
  • pathologisch-anatomischen oder
  • serologischen Untersuchung den Ausbruch befürchten lässt.

Der Ausbruch der Schweinepest liegt vor, wenn diese

  • durch virologische Untersuchung (Virus- oder Antigennachweis),
  • im Falle von Sekundärausbrüchen durch klinische und pathologisch-anatomische Untersuchung oder
  • durch serologische Untersuchung (Antikörpernachweis) in Verbindung mit epizootiologischen Anhaltspunkten festgestellt wurde.

Differenzialdiagnose

Die lange Liste der in Frage kommenden Differenzialdiagnosen verdeutlicht die Problematik der unklaren klinischen Symptome:
Perakute Form: Afrikanische Schweinepest, septikämischer Rotlauf, APP, , Vergiftungen.
Akute Form: Afrikanische Schweinepest, hämorrhagisch septikämischer Verlauf: Pasteurellose, Milzbrand, Rotlauf, Eperythrozoonose, Vergiftungen.
Hautblutungen: Afrikanische Schweinepest, PDNS (Circovirus-2-Infektion), Salmonellose, Pasteurellose, Eperythrozoonose, Streptokokkensepsis, Thrombozytopenische Purpura, Dicumarolvergiftung, PRRS,.
Durchfall und/oder Erbrechen: TGE/EVD, Salmonellose, Mykotoxine (DON), Adenomatose, Dysenterie, Vitamin-D-Intoxikation.
Ataxie/Parese: Enterovirusencephalomyelitis, Enterotoxämie, Vergiftung, M. Aujeszky, Tollwut, PRRS, Meningitis.
Bronchopneumonie: M. Aujeszky, PRRS, Enzootische Pneumonie, APP.
Kümmern: Circovirus-2-Infektion, chronische Erkrankungen, Parasitosen, PRRS, Polyserosisits, Haemophilus parasuis.
Anämie: Magengeschwüre, Eperythrozoonose, Parasiten.
Embryopathien: M. Aujeszky, Parvovirose, Leptospirose, Brucellose, PRRS, Rotlauf, Vergiftungen.

Bekämpfung

Geschieht nach der gültigen Schweinepestverordnung: Anzeigepflicht! und der EU Verordnung 2001/89/EG in der jeweils gültigen Form. Nach EU- und nationalem Recht ist die Impfung verboten. Nachdem die Eradikationsbestrebungen noch nicht den durchschlagenden Erfolg gezeigt haben und es wiederholt zu massiven KSP Ausbrüchen in Mitgliedstaaten kam, kann eine Impfung auf Antrag zur Verhinderung der Weiterverbreitung als sog. Suppressions- oder Interventions-Impfung von der EU erlaubt werden. Die Anforderungen an solche Impfstrategien sind hoch, weil die Impfstoffe prinzipiell eine Markerkomponente enthalten müssen und sehr schnell einen wirksamen Schutz vor Krankheit und Virusausscheidung erzielen sollen. Schon lange ist ein gut wirksamer Lebendimpfstoff auf der Basis des attenuierten Chinese Stammes (C-Stamm) auf dem Markt, der insbesondere im asiatischen Raum weite Anwendung findet. Für den EU Markt kann nur ein Markerimpfstoff zugelassen werden, um das Konzept der Unterscheidbarkeit geimpfter von Feldvirus infizierten Tieren (DIVA differentiation of infected from vaccinated animals) zu erfüllen. Dies hat zur Entwicklung zahlreicher neuer Vakzinearten geführt von denen bisher nur die mit dem Baculovirus-Expressions-system hergestellte CSFV-E2 Untereinheit (subunit) lizenziert ist (siehe Abb.).
Auf der Abbildung sind die innovativen Ansätze der Impfstoffentwicklung dargestellt,
die alle zur Unterscheidung geimpfter von Feldvirus infizierten Schweinen führen sollen (Markervakzinen).

Mehr zu diesem Thema

Allgemeine Informationen zum Thema