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Bayerisches Landesamt für
Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Zwischen Ekel und Genuss – Insekten ein Nahrungsmittel mit Zukunft?

Insekten zum menschlichen Verzehr

Teller mit Rohkost, Quark und Insekten

Laut einem Bericht der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations, Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen) mit dem Titel "Humans Bite Back", gibt es weltweit mehr als 1900 essbare Insektenarten. In vielen Ländern der Welt, vor allem in Asien, Afrika und Lateinamerika sind Insekten schon seit Jahrtausenden ein wichtiger Bestandteil der menschlichen Ernährung. Aufgrund des Geschmacks gelten Insekten in manchen Kulturen sogar als hochpreisige Spezialität und werden daher nicht nur von den armen Bevölkerungsschichten konsumiert, denen keine anderen Nahrungsquellen zur Verfügung stehen. Die geschmacklichen Vorlieben sind dabei je nach Region und Land unterschiedlich. Am häufigsten werden Käfer verzehrt, gefolgt von Schmetterlingen/Raupen sowie der Gruppe der Ameisen, Wespen und Bienen (vgl. Abb. 2). Je nach Insektenart werden außerdem Larven, Puppen oder die adulten Tiere als Lebensmittel genutzt.

Neben der Verwendung als Lebensmittel werden Insekten zudem aus gesundheitlichen Gründen beispielsweise in der Chinesischen Medizin zur Vorbeugung von Krebs eingesetzt (Chen et al. 2009).

Auch in Europa lässt sich ein Wandel im Essverhalten feststellen. Lehnte vor Jahren die große Masse der Europäer Insekten, Würmer, Raupen, Heuschrecken, Fliegen etc. noch als ekelerregend und ungenießbar ab, erfreuen sich heute Insekten als Lebensmittel immer größerer Beliebtheit. Lebendige Maden als Mutprobe bei den Jugendlichen, geröstete Ameisen als gesunder Snack oder raffiniert zubereitete Grillen als Delikatesse bei den Erwachsenen gelten als en vogue. Dank Fernsehshows, speziellen Kochkursen, Szenerestaurants oder Berichten in der Boulevardpresse sind Insekten bei vielen Bundesbürgern als gesunde "Leckereien" im Gespräch. Über Internet-Shops können Heuschrecken, Maden, Heimchen und andere "Krabbeltierchen" auch bequem bestellt und direkt nach Hause geliefert werden. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob Insekten als Lebensmittel, die nicht abgelehnt sondern aufgrund des Geschmacks und als hochwertige Nahrungsquelle verzehrt werden, ein Zukunftstrend sind?

Darstellung in Form eines liegenden Balkendiagramms: Reihenfolge der Balken (blau) von unten nach oben: Käfer (Coleoptera) 31%,Schmetterlinge/Raupen (Lepidoptera) 18%, Ameisen, Wespen, Bienen (Hymenoptera) 14%, Heuschrecken, Grillen, Grashüpfer (Orthoptera) 13%, Schnabelkerven, z. B. Pflanzenläuse (Hemiptera) 10%,Termiten (Isoptera) 3%, Libellen (Odonata) 3%, Fliegen (Diptera) 2%, Andere (z. B. Eintagsfliege, Tierläuse) 6%.

Abb. 2: Weltweit am häufigsten verzehrte Insekten in Prozent
(Daten aus: FAO 2013, Edible insects: future prospects for food and feed security)

Für die Einstufung von Insekten bzw. Insektenteilen als Lebensmittel gilt:

Insektenteile, die vor dem 15. Mai 1997 noch nicht in nennenswerten Umfang in der EU verzehrt wurden, fallen unter die Verordnung (EG) Nr. 258/97 (Novel Food-Verordnung) und gelten als neuartige Lebensmittel/Lebensmittelzutaten. Ein Inverkehrbringen derartiger Insektenteile als Lebensmittel/Lebensmittelzutat ist in der EU ohne Sicherheitsbewertung und Zulassung nicht erlaubt.

Insekten als Ganzes fallen nicht zweifelsfrei in den Anwendungsbereich der aktuell noch gültigen Novel Food-Verordnung Nr. 258/97. Nach Verabschiedung der neuen europäischen Verordnung über neuartige Lebensmittel im November 2015 – VO (EU) 2015/2283 - wird die bisherige Verordnung aus dem Jahr 1997 ersetzt. Die Verordnung gilt ab dem 01.Januar 2018. Gemäß der „neuen“ Novel Food-Verordnung fallen auch ganze Insekten, die vor dem Stichtag (15.Mai 1997) noch nicht in nennenswertem Umfang für den menschlichen Verzehr verwendet wurden, in den Anwendungsbereich der Verordnung und müssen vor dem Inverkehrbringen als neuartige Lebensmittel zugelassen werden.

Insekten und Insektenteile, die vor dem 15. Mai 1997 bereits in nennenswertem Umfang in der EU als Lebensmittel in Verkehr waren, fallen nicht unter die Novel Food-Verordnung und dürfen, unter Beachtung der allgemeinen lebensmittelrechtlichen EU-Vorschriften (wie LMIV, VO (EG) Nr. 178/2002, VO (EG) Nr. 852/2004) und ggf. der speziellen nationalen Anforderungen, auch ohne Genehmigung in Verkehr gebracht werden.

Sind Insekten ein sicheres Lebensmittel?

Bis heute gibt es noch keine verlässlichen Daten, die aufzeigen, dass die derzeit zum Verzehr angebotenen Insekten keine giftigen Substanzen enthalten, die bei einem erhöhten Konsum oder bei längerfristiger Aufnahme die Gesundheit schädigen können. Bestimmte Insektenarten enthalten bekannter Weise von Natur aus toxische Substanzen wie zum Beispiel metabolische Steroide, die ein Risiko darstellen können.

Insekten gelten generell als Überträger von Krankheitserregern, so dass bei den meisten, auch den essbaren Insektenarten, im rohen Zustand mit dem Vorkommen von bakteriellen Krankheitserregern, wie z. B. Salmonella spp. oder Shigatoxin-bildenden Escherichia coli gerechnet werden muss. In Abhängigkeit vom Ursprungsland und den hygienischen Gegebenheiten bei der weiteren Bearbeitung (u. a. Trocknung) können auch hohe Gehalte an Mykotoxinen auftreten, die allerdings bei einer adäquaten hygienischen Behandlung vermeidbar sind. Ebenfalls abhängig vom Ursprungsland muss ggf. auch mit Kontaminationen durch humanpathogene Parasiten, gerechnet werden (Belluco et al., 2013). Aufgrund dieser Ergebnisse wird in der wissenschaftlichen Literatur dringend von einem Rohverzehr von Insekten abgeraten. Eine entsprechende Erhitzung vor dem Verzehr sowie eine ausreichende Kühllagerung von bereits gegarten Insekten (max. +5° C bis +7° C) sind erforderlich, um die mikrobiologische Unbedenklichkeit eines derartigen Produktes zu garantieren und Verderbserscheinungen zu verhindern. Aber auch diese Vorsichtsmaßnahmen können nicht generell gewährleisten, dass Insekten unbedenklich zum Verzehr geeignet sind. Deshalb ist es empfehlenswert, vor allem beim Erwerb von Insekten über das Internet, sich im Vorfeld darüber zu informieren, ob es sich bei den bestellten Insekten um essbare Arten handelt und ob sie aus entsprechend geprüften und seriösen Quellen stammen.

Wie die meisten proteinhaltigen Lebensmittel können Insekten auch allergische Reaktionen beim Verzehr hervorrufen. Vom Auftreten von Allergien bis hin zum anaphylaktischen Schock nach dem Verzehr von Insekten wird immer wieder aus asiatischen Ländern, insbesondere aus China berichtet. Allergiker sollten beim Verzehr von Insekten daher besonders vorsichtig sein. Rechtliche Vorgaben zur Allergenkennzeichnung von Insekten existieren derzeit aufgrund der mangelnden wissenschaftlichen Datenlage und des aktuellen Angebots an Insektenprodukten nicht.

Insekten als gute Nährstofflieferanten?

Insekten gelten als gute Nährstofflieferanten, denn sie enthalten hochwertiges Eiweiß, Fett mit hohem Anteil an ungesättigten Fettsäuren, Vitamine und Mineralstoffe, wie z. B. Kupfer, Eisen, Magnesium, Mangan, Selen und Zink. Je nach Spezies und Futterzusammensetzung variieren die Gehalte jedoch stark. Die hochwertige Aminosäuren-Zusammensetzung des Insekten-Eiweißes ist für bestimmte Verbrauchergruppen (z. B. Sportler, Vegetarier) zur Ergänzung der Ernährung oder als Alternative zu Fleisch besonders interessant. Noch wichtiger ist der Beitrag, den Insekten als wertvolles Nahrungsmittel zur Ernährungs-sicherung weltweit leisten können, zumal dies auch noch auf sehr effiziente Weise geschehen kann. Die FAO spricht von der hohen Futterverwertungseffizienz, die den Insekten als Kaltblütern zu eigen ist: während z. B. Rinder ca. 8 kg Futter benötigen um 1 kg Biomasse aufzubauen und Schweine ca. 5 kg, reichen den Insekten dafür durchschnittlich 2 kg Futter aus.

Ganz neu ist der Einsatz von Insekten zu Ernährungszwecken auch hierzulande nicht:
Aus dem 19. Jahrhundert ist das Rezept einer Maikäfersuppe überliefert, gepriesen als "vortreffliches und kräftiges Nahrungsmittel" – im Geschmack "ähnlich einer Krebssuppe, nur kräftiger"(zit. aus "Magazin für die Staatsarzneikunde", Leipzig 1844).

Literatur

Chen X, Feng Y, Zhang H, Chen Z, 2010. Review of the nutritive value of edible insects. In: Food and Agriculture Organisation (Hrsg.). Humans bites back. Food and Agriculture, Bangkok, S. 85-92´

Belluco, S, Losasso, C, Maggioletti, M, Alonzi, CC, Paoletti, MG, Ricci, A 2013. Edible Insects in a Food Safety and Nutritional Perspective: A Critical Review. Comprehensive Reviews in Food Science and Food Safety 12 (3): 296–313

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