Verzehr von Rohmilch – gesundheitlicher Nutzen oder Risiko?

Rohmilch wird von vielen Menschen im Vergleich zu wärmebehandelter Milch als besonders gesund und natürlich angesehen. Im Internet und in Zeitschriftenartikeln wird hauptsächlich über einen vorbeugenden Effekt gegenüber Allergien gesprochen. Besser verträglich für Menschen mit bereits bestehender Allergie, wie irrtümlich von manchen Verbrauchern angenommen, ist Rohmilch allerdings nicht.
Den diskutierten Vorteilen eines Rohmilchverzehrs stehen allerdings Risiken gegenüber, die vernünftig bewertet und bekannt sein sollten. Insbesondere scheinen Verbraucher heutzutage häufig nicht mehr zu wissen, dass in roher Milch immer wieder Krankheitserreger vorzufinden sind, da es sich um ein gänzlich unbehandeltes Erzeugnis tierischer Herkunft handelt.
Rohmilch ist eine Milch, die keinem Erhitzungsverfahren unterzogen wurde. Erste Techniken einer schonenden Erhitzung von roher Kuhmilch durch Pasteurisierung wurden bereits im 19. Jahrhundert entwickelt. Dadurch gelang es, die Verbreitung der menschlichen Tuberkulose einzudämmen, welche in der damaligen Zeit sehr häufig durch einen Verzehr von roher Milch erkrankter Kühe auf den Menschen übertragen wurde. Auch wenn dies aktuell nicht mehr von Bedeutung ist, weil die Rinderbestände in Mitteleuropa weitgehend tuberkulosefrei sind, so gibt es doch eine ganze Reihe anderer wichtiger Krankheitserreger, die durch Rohmilch auf den Menschen übertragen werden können. Aus diesem Grund erlaubt das europäische Lebensmittelhygienerecht den Mitgliedstaaten, das Inverkehrbringen von Rohmilch für den unmittelbaren Verzehr in ihrem Hoheitsgebiet zu untersagen oder aber einzuschränken.

Regelungen zur Abgabe von Rohmilch an Verbraucher

In Deutschland ist die Abgabe von Rohmilch an Verbraucher im Grundsatz verboten. Jedoch dürfen landwirtschaftliche Betriebe Rohmilch unter der Verkehrsbezeichnung „Vorzugsmilch“ in Fertigpackungen an Verbraucher abgeben, wenn spezielle Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehört zum Beispiel die Bestimmung, dass keine pathogenen Mikroorganismen oder Toxine in der Vorzugsmilch vorhanden sind, die die Gesundheit des Verbrauchers gefährden können. Zu diesem Zweck werden die Einzeltiere eines Vorzugmilchbestandes monatlich auf ihren Gesundheitszustand hin untersucht. Auch die in solchen Vorzugsmilchbetrieben gewonnene Milch unterliegt einer sehr intensiven mikrobiologischen Überprüfung. Aktuell gibt es in Bayern allerdings nur einen landwirtschaftlichen Betrieb, der Vorzugsmilch in Fertigpackungen vermarktet. Des Weiteren darf Rohmilch von Milcherzeugungsbetrieben nur dann an Verbraucher abgegeben werden, wenn die Abgabe direkt im Betrieb erfolgt, die Milch am Tag der Abgabe oder am Tag zuvor gewonnen wurde und an der Abgabestelle gut sichtbar und lesbar der Hinweis „Rohmilch, vor dem Verzehr abkochen“ angebracht ist. Dieser direkte Vermarktungsweg gewinnt zurzeit wegen der zunehmenden Verbreitung von Automaten zur Rohmilchabgabe an Bedeutung.

Vorkommen von Krankheitserregern in Rohmilch

Welche Krankheitserreger in roher Milch aktuell von Bedeutung sind, kann den Meldedaten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) entnommen werden, die von den europäischen Mitgliedstaaten bei lebensmittelbedingten Ausbrüchen übermittelt werden. Dabei ist ein Ausbruch als ein Erkrankungsgeschehen definiert, von dem mindestens zwei, in der Regel aber mehrere Personen betroffen sind. In den Jahren 2007 bis 2012 wurden der EFSA 27 Krankheitsausbrüche angezeigt, die auf einen Verzehr von Rohmilch zurückgeführt wurden. Dabei wurden 21 Ausbrüche durch Campylobacter spp., drei durch FSME-Virus, zwei durch EHEC (enterohämorrhagische Escherichia coli) und einer durch Salmonella Serovar Typhimurium verursacht. Weil den Behörden nicht jeder Fall bekannt wird oder die Ermittlungen nicht zu einem zweifelsfreien Ergebnis führen und damit gemeldet werden können, dürfte die tatsächliche Anzahl von Ausbrüchen und Erkrankungen um ein Vielfaches höher liegen. Nach den Ergebnissen der Untersuchungen von Planproben „Rohmilch ab Hof“ am LGL sind die beiden wichtigsten Krankheitserreger in Bayern Campylobacter spp. und EHEC. EHEC-Erreger sind in circa zwei bis drei Prozent der Rohmilchproben vorzufinden. Campylobacter-Bakterien wies das LGL in etwa einem Prozent der Proben nach. Campylobacter spp. sind in roher Milch nicht stabil und sterben nach einiger Zeit ab, weswegen ihr Nachweis in der Regel nur in ganz frisch gemolkener Milch gelingen kann. In den meisten Fällen stammen die EHEC- und Campylobacter-Bakterien nicht unmittelbar aus der Milch, sondern gelangen beim Melken aus der Stallumgebung in die Rohmilch. Zwar werden die Kühe in den Milchbetrieben sehr sauber gemolken, unter anderem weil die rohe Milch verschiedene Qualitätskriterien erfüllen muss, jedoch ist das Melken in einem Kuhstall kein steriler Prozess. Daher kann ein Eintrag dieser Krankheitserreger in die Rohmilch auch bei einer vorbildlichen Melkhygiene niemals gänzlich ausgeschlossen werden. Die beiden anderen genannten Erreger, Salmonellen und FSME-Viren, sind in Deutschland und Bayern dagegen von eher untergeordneter Bedeutung. Salmonellen kommen in den deutschen Rinderbeständen nur sehr selten vor und sind damit auch in der Milch nur in Ausnahmefällen nachweisbar. Das FSME-Virus kann nur dann in die Milch gelangen, wenn die Kühe stark von Zecken befallen sind. Damit ist bei Stallhaltung und Weidehaltung auf offenen Flächen nicht zu rechnen. Daneben müssen von Zecken befallene Tiere durch den vom Landwirt beauftragten Tierarzt behandelt werden. Neue wissenschaftliche Untersuchungen lassen vermuten, dass auch eine Infektion mit Hepatitis E-Viren über Rohmilch möglich sein könnte (Huang et al., Hepatology 2016).

Fazit

Festgehalten werden kann, dass mit dem Konsum von roher Milch ein erhebliches Gesundheits- und Erkrankungsrisiko verbunden sein kann. Dabei liegt die Gefahr hauptsächlich in einer Übertragung und Erkrankung an Campylobacter- und EHEC-Bakterien. Beide Keime können zu sehr schwer verlaufenden Infektionen führen, die zum Teil mit blutigen Durchfällen verbunden sind. Daneben treten immer wieder auch Folgeerkrankungen auf, von denen das durch EHEC-Bakterien verursachte HUS (Hämolytisch- urämische Syndrom) besonders gefürchtet ist. Von einem Konsum roher Milch, speziell durch Kinder, rät das LGL dringend ab.

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