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Bayerisches Landesamt für
Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Ohrkan - Studie zur Hörfähigkeit unter Jugendlichen

Das Sachgebiet Arbeits- und Umweltmedizin/ -epidemiologie des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit führt gemeinsam mit der Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie der Universität Regensburg die epidemiologische Studie Ohrkan durch. Ohrkan ist als Kohortenstudie angelegt, in der dieselben Personen nach festgelegten zeitlichen Abständen mehrfach befragt bzw. untersucht werden. Die erste Projektphase, die die Basiserhebung beinhaltete, fand von Sommer 2009 bis Dezember 2011 statt. Die zweite Projektphase, eine postalische Nachbefragung, lief von Juli 2012 bis Februar 2014. Im Januar 2015 begann die dritte Projektphase. Das Projekt wird vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege gefördert.

Hintergrund

Ein gutes Hörvermögen ist Grundvoraussetzung für eine gute Lebensqualität, für Kommunikation und soziale Kontakte, für gute schulische Leistungen und den Erfolg am Arbeitsplatz. Hörschäden führen daher zu großer Belastung von Betroffenen und - wenn sie in der Bevölkerung häufig vorkommen - auch der Gesellschaft.

In den 1990er Jahren lösten Untersuchungen der Hörfähigkeit unter Rekruten bei der Musterung Besorgnis aus: Unter den 18 bis 24-jährigen Männern litt bereits circa ein Viertel unter einer Hörminderung. In anderen Studien wurden bereits Höreinschränkungen von Schülern festgestellt. Repräsentative und aktuelle Daten darüber, wie gut Jugendliche in Bayern heutzutage tatsächlich hören, fehlen jedoch.

Auch sind die Ursachen von Hörschäden unter Jugendlichen noch nicht geklärt. Wenn Hörschäden tatsächlich häufiger als früher auftreten, wodurch ist dieser Anstieg begründet? In den vergangenen Jahren ist Freizeitlärm als möglicher Risikofaktor für Gehörschäden verstärkt in das Blickfeld der Öffentlichkeit gelangt. Insbesondere Diskotheken- und Konzertbesuche und Musikkonsum über tragbare Musikabspielgeräte wie MP3-Player stehen im Verdacht, für Gehörschäden unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen verantwortlich zu sein. Die dabei erreichten Schalldruckpegel von 100 dB(A) oder mehr legen die Vermutung nahe, dass sie Ursache von Gehörschäden sein könnten. Basierend auf einer theoretischen Herleitung kam z. B. im September 2008 die Kommission SCENIHR der Europäischen Union zu dem Schluss, dass bei Nutzung eines MP3-Players bei 89 dB(A), für mehr als 5 Stunden in der Woche über einen Zeitraum von 5 Jahren und länger, mit einer Erhöhung des Risikos eines irreversiblen Gehörschadens zu rechnen ist. Die Kommission stellte jedoch auch fest, dass dieser Zusammenhang in epidemiologischen Studien noch nicht belegt werden konnte.

Die Untersuchung des Gehörs von Jugendlichen und die Identifikation von Ursachen für Hörschäden bei Jugendlichen sind sehr wichtig, um im Weiteren präventive Maßnahmen zu entwickeln. Auch ist wichtig festzustellen, welche Gruppen von Jugendlichen besonders gefährdet sind, um diese Gruppen gezielt ansprechen zu können. Und genau das sind die Ziele der Ohrkan-Studie.

Zielsetzung

Die Studie soll Antworten auf folgende Fragen liefern:

  1. Wie gut hören die Jugendlichen heutzutage in Bayern? Wie viele haben bereits erste lärmbedingte Hörschäden?
  2. Wie häufig hören Jugendliche Musik über Kopfhörer (z. B. mit MP3-Playern)? Wie laut ist die Musik im Allgemeinen? Wie häufig besuchen die Jugendlichen Konzerte oder Diskotheken?
  3. Welche Gruppen von Jugendlichen sind besonders gefährdet?
  4. Wie entwickelt sich die Hörfähigkeit von Jugendlichen über die Jahre? Welche Rolle spielen dabei Einflussfaktoren wie z. B. Musikkonsum oder andere Belastungen?
  5. Wie können erste Schäden bereits früh bemerkt werden?

Basiserhebung

In der ersten Projektphase von Ohrkan erfolgte die Basiserhebung, das heißt die Rekrutierung von Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die Studie und eine Erfassung von Basisdaten. Die Basiserhebung wurde unter Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 9 in Regensburg durchgeführt. In den beiden Schuljahren 2009/2010 und 2010/2011 konnten insgesamt über 2000 Jugendliche in die Studie einbezogen werden.

Die Datenerhebung umfasste:

  • Einen selbstauszufüllenden standardisierten Fragebogen, der von den Eltern bzw. Erziehungsberechtigten auszufüllen war. Hierin wurden vor allem Angaben zum demographischen Hintergrund und zu der medizinischen Vorgeschichte des Jugendlichen erfasst.
  • Einen selbstauszufüllenden standardisierten Fragebogen, der von den Jugendlichen auszufüllen war. Hierin wurden vor allem Angaben zu den Lärmbelastungen und zur subjektiven Einschätzung des Gehörs erhoben.
  • Die Jugendlichen wurden in der Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie der Universität Regensburg untersucht. Diese Untersuchung umfasste eine Tympanometrie (Ohrdruckmessung), eine Tonaudiometrie (ein Hörtest zur Überprüfung des Hörvermögens mit Tönen unterschiedlicher Höhe) und die Messung der otoakustischen Emissionen (DPOAE, gibt Aufschluss über die Hörleistung des Innenohrs).

Ergebnisse der Basiserhebung sind in dem rechts zum Download angefügten Dokument dargestellt. Insgesamt zeigte sich nur bei einem geringen Anteil der etwa 15-16jährigen Jugendlichen ein beginnender Hörschaden, der mit Lärmbelastung in Verbindung stehen könnte. Andererseits hören etwa ein Viertel der Jugendlichen so lange und so laut Musik über tragbare Abspielgeräte (z. B. MP3-Player), dass langfristig ein erhöhtes Risiko für einen lärmbedingter Hörschaden besteht. Nacherhebungen in dem Kollektiv sollen darüber Aufschluss geben, inwieweit gerade bei den Jugendlichen, die ihr Gehör stark belasten, neue Hörschäden auftreten.

Die Basiserhebung legt auch nahe, dass verstärkte Präventionsmaßnahmen notwendig sind, um eine gehörschädigende Nutzung von tragbaren Musikabspielgeräten zu verhindern. Präventionsmaßnahmen sollten auf die in der Studie identifizierten Gruppen von Jugendlichen abzielen, unter denen besonders häufig lange und laut Musik gehört wird.

Erste Nacherhebung

Die Nacherhebungen der Ohrkan-Studie sollen dazu dienen, im zeitlichen Verlauf Änderungen in der Lärmbelastung zu erfassen sowie Entwicklungen der Hörfähigkeit, insbesondere das Auftreten neuer Hörschäden, festzustellen.

Die erste Nacherhebung erfolgte ausschließlich postalisch. Alle Studienteilnehmern erhielten erneut einen standardisierten Fragebogen, in dem vor allem die aktuelle Lärmbelastung, aber auch subjektiv wahrgenommene Änderungen des Gehörs abgefragt wurden.

Die Datenerhebung im Rahmen der ersten Nacherhebung erfolgte zwischen Juli 2012 und Januar 2014. Die Ergebnisse zeigen, dass die Belastung durch Freizeitlärm zugenommen hat. Dies ist besonders in dem deutlichen Anstieg bei den Besuchen von Diskotheken und Konzerten begründet. Dieser Anstieg ist leicht erklärbar, da zwischenzeitlich ein Großteil der Teilnehmer das 18. Lebensjahr erreicht hat und somit Einschränkungen bei dem Besuch solcher Veranstaltungen entfallen.

Zweite Nacherhebung

Die zweite Nacherhebung beinhaltet wieder mehrere Komponenten:

  • Einen selbstauszufüllenden standardisierten Fragebogen, der von den Jugendlichen auszufüllen ist. Hierin wurden vor allem Angaben zu den Lärmbelastungen und zur subjektiven Einschätzung des Gehörs erhoben, aber auch die Angaben zur Soziodemographie aktualisiert und ggfs. bestehende Belastung mit Arbeitslärm erfasst.
  • Erneut findet eine klinische Untersuchung an der Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie der Universität Regensburg statt. Diese Untersuchung umfasst eine Tympanometrie (Ohrdruckmessung) und eine Tonaudiometrie (ein Hörtest zur Überprüfung des Hörvermögens mit Tönen unterschiedlicher Höhe).
  • Bei einer Subgruppe der Jugendlichen findet seit Herbst 2015 zusätzlich eine Untersuchung im Bereich der Hochtonaudiometrie (bis 16 kHz) statt (Ohrkan HiFI – Impact of High Frequencies).

Die Datenerhebung begann im Januar 2015 und wird voraussichtlich bis Juli 2016 laufen.

Pressemitteilungen / Ohrkan in den Medien

Veröffentlichungen

Vorträge und Poster

  • Kolb, S.; Twardella, D., Gerstner, D.G., Reiter, C. und Herr, C.E.W. OHRKAN: Hörst Du noch oder pfeift es schon? – Freizeitlärmbelastung von Jugendlichen durch tragbare Musikabspielgeräte. 111.DGKJ-Jahrestagung 02.-05.09.2015, München.
  • Twardella, D., Reiter, C., Gerstner, D.G., Kolb, S. und Herr, C.E.W. Ohrkan-Studie: Wie häufig sind Gehörschäden bei Jugendlichen und welche Rolle spielt der Freizeitlärm hierbei? 6. LGL Kongress für den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD), 23.-25.09.2015, Regensburg.
  • Lange, Y., Twardella, D., Kolb, S. und Herr, C.E.W. Die Verbreitung von Tinnitus unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen und die Bedeutung des Freizeitlärms hierfür. 6. LGL Kongress für den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD), 23.-25.09.2015, Regensburg.
  • Diana Colon, Carmelo Perez-Alvarez, Thomas Steffens, Hermann Fromme, Bernhard Brenner, Caroline Herr, Dorothee Twardella. Portable Music Player Exposure and Distortion Product Otoacoustic Emissions of Regensburg Adolescents: A Cross Sectional Analysis.
  • Twardella, D., Reiter, C., Gerstner, D.G., Kolb, S. und Herr, C.E.W. Entwicklung der Belastung mit Freizeitlärm unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen: Ergebnisse aus dem ersten Follow-up der Ohrkan-Studie. 10. Jahrestagung der DGEpi, 30.09.-02.10.2015, Potsdam.
  • Twardella, D, Perez-Alvarez C, Steffens T, Zirngibl A, Bolte G, Fromme H, Raab U. The prevalence of audiometric notches in adolescents: The Ohrkan-study. Environment and Health – Bridging South, North, East and West. Conference of ISEE, ISES and ISIAQ Basel, Switzerland 23 August 2013
  • Twardella D. Ergebnisse der Ohrkan-Studie I: Prävalenz von Hörverlusten unter Jugendlichen in Bayern. Vortrag, Workshop des Arbeitskreises Umweltmedizin, Expositions- und Risikoabschätzungen der DGEpi, gmds und DGSMP, Berlin, 29. März 2012.
  • Raab U. Die Ohrkan-Studie: Nutzung von tragbaren Musikabspielgeräten und Hörverluste. Vortrag, Workshop des Arbeitskreises Umweltmedizin, Expositions- und Risikoabschätzungen der DGEpi, gmds und DGSMP, Berlin, 29. März 2012.
  • Twardella D, Perez-Alvarez C, Steffens T, Bolte G, Fromme H, Verdugo-Raab U. Hörst Du noch oder pfeift es schon? Erste Ergebnisse der Ohrkan-Studie. Poster, 62. Wissenschaftlichen Kongress des BVÖGD, Erfurt, 10.-12. Mai 2012.
  • Twardella D, Raab U, Perez-Alvarez C, Steffens T, Zirngibl A, Bolte G, Fromme H. Ergebnisse der Ohrkan-Studie I: Prävalenz von Hörverlusten unter Jugendlichen in Bayern. Vortrag, 7. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Regensburg, 26.-29. September 2012.
  • Raab U, Twardella D Perez-Alvarez C, Steffens T, Zirngibl A, Bolte G, Fromme H. Die Ohrkan-Studie: Nutzung von tragbaren Musikabspielgeräten und Hörverluste. Vortrag, 7. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Regensburg, 26.-29. September 2012
  • Twardella D, Raab U, Perez-Alvarez C, Steffens T, Kummer P, Zirngibl A, Bolte G, Fromme H. Geringe Prävalenz von Hörverlusten unter Jugendlichen in Bayern. Ergebnisse der Ohrkan-Studie. Poster, 6. Jahrestagung der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin (GHUP), Freiburg, 22.-23.November 2012.
  • Raab U, Twardella D, Perez-Alvarez C, Steffens T, Kummer P, Zirngibl A, Bolte G, Fromme H. Die Nutzung von tragbaren Musikabspielgeräten unter Jugendlichen und der Zusammenhang mit Hörverlusten. Poster, 6. Jahrestagung der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin (GHUP), Freiburg, 22.-23.November 2012.
  • Raab U, Perez Alvarez C, Steffens T, Fromme H, Twardella D. Hörst du noch oder pfeift es schon? – "Ohrkan", eine Studie zum Hörstatus von Jugendlichen. 5. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Berlin, 21.-25. September 2010.
  • Twardella D. OHRKAN – An epidemiologic study on hearing in adolescents. Workshop of the European Network on Noise and Health ENNAH. Athen, 22.-23. November 2010.

Referenzen

  • Henderson E, Testa MA, Hartnick C (2011) Prevalence of noise-induced hearing-threshold shifts and hearing loss among US youths. Pediatrics 127:e39-46.
  • Niskar, A.S., et al., Estimated prevalence of noise-induced hearing threshold shifts among children 6 to 19 years of age: the Third National Health and Nutrition Examination Survey, 1988-1994, United States. Pediatrics, 2001. 108(1): p. 40-3. http://pediatrics.aappublications.org/content/108/1/40.abstract
  • SCENIHR, Potential health risks of exposure to noise from personal music players and mobile phones including a music playing function. 2008, Scientific Committee on Emerging and Newly Identified Health Risks, European Commission. http://ec.europa.eu/health/ph_risk/committees/04_scenihr/docs/scenihr_o_018.pdf (PDF, 620 KB).
  • Sliwinska-Kowalska M, Davis A (2012). Noise-induced hearing loss. Noise Health 14:274-80.
  • Struwe, F., et al., Untersuchung von Hörgewohnheiten und möglichen Gehörrisiken durch Schalleinwirkungen in der Freizeit unter besonderer Berücksichtigung des Walkman-Hörens, in WaBoLu-Hefte: Gehörgefährdung durch laute Musik und Freizeitlärm, W. Babisch, et al., Editors. 1996, Umweltbundesamt: Berlin. p. 44-154. http://www.umweltbundesamt.de/publikationen/gehoergefaehrdung-durch-laute-musik-freizeitlaerm