"Schmallenberg-Virus"
(Europäisches Shamonda-like Orthobunyavirus)
Erreger
Das Schmallenberg-Virus (SBV) wird dem Genus Orthobunyavirus aus der Familie Bunyaviridae zugeordnet. Die meisten Vertreter dieser mit über 350 bekannten Spezies sehr großen Familie werden durch Arthropoden übertragen (Arboviren). Die behüllten Virionen enthalten ein RNA-Genom aus drei Segmenten, das für mindestens fünf Proteine kodiert. SBV zeigt eine enge Verwandtschaft zu Viren der Simbu-Serogruppe zu der auch das aus Asien, Ozeanien und Afrika bekannte Akabane-Virus gehört.
Vorkommen und Übertragung
SBV wurde im November 2011 erstmals durch das Friedrich-Loeffler-Institut aus Probenmaterial vom Rind isoliert und näher charakterisiert. Die vorläufige Benennung erfolgte nach dem Ort Schmallenberg (NRW), dem Herkunftsort dieses Materials. Bisher wurde SBV in den Niederlanden, Deutschland, Belgien, Großbritannien, Frankreich, Italien, Luxemburg und Spanien bei Rindern, Schafen und Ziegen nachgewiesen. Der tatsächliche Ursprung und die genaue Verbreitung von SBV sind bislang unbekannt. Bestätigte Fälle liegen zwischenzeitlich aus fast allen Bundesländern vor.
Die Übertragung von SBV auf Wiederkäuer erfolgt vermutlich in Analogie zu anderen Viren der Simbu-Serogruppe durch blutsaugende Gnitzen und Stechmücken. Die Ansteckung erfolgt saisonal in der Weideperiode, wenn Vektor-kompetente Arthropoden präsent sind. Der Infektionszyklus ist Vektor-abhängig, die Infektion erfolgt wahrscheinlich nicht von Tier zu Tier, sondern nur über die Vektoren (Arthropoden übertragene Viren = Arboviren, arthropod borne). Eine gesundheitliche Gefährdung für den Menschen besteht nach bisherigen Erkenntnissen nicht.
Krankheitsbild
Akute Infektionen in der Vektor-aktiven Zeit (Apr - Nov) führen bei Rindern und kleinen Wiederkäuern nur zu milden Symptomen, wie Milchrückgang, Fieber und Durchfall. Erste experimentelle Infektionsstudien haben gezeigt, dass die Infektion mit einer sehr kurzen Virämiephase (1 - 6 Tage) verbunden ist. Bei einer fetalen Infektion im ersten Drittel der Trächtigkeit kommt es aufgrund einer schweren Schädigung von Nervengewebe zu ZNS-Entwicklungsstörungen (Hypoplasie, Hydranenzephalie) und einer gestörten Entwicklung von Muskulatur und Gelenken. Die häufigsten Folgen sind Gelenksteifigkeit und Sehnenverkürzungen (Arthrogryposen), Torticollis und Hydrocephalus. Die beobachteten Missbildungen werden in Analogie zu den durch andere Viren der Simbu-Gruppe hervorgerufenen Veränderungen als „Arthrogrypose-Hydranencephalie-Syndrom (AHS)“ bezeichnet. Neben Aborten und mumifizierten Feten, treten insbesondere Früh- oder Totgeburten, sowie Geburten von lebensschwachen, missgebildeten Lämmern und Kälbern auf.
Diagnostik
Die Methode der Wahl für den Virusnachweis ist die molekulare Diagnostik in Form der Polymerase-Kettenreaktion für RNA Viren (RT-PCR). Als Untersuchungsmaterial eignen sich Gehirnproben von Feten, Aborten, Totgeburten, AHS-Lämmern und Kälbern. Im Verdachtsfall wird die Einsendung missgebildeter Früchte für eine pathologisch-anatomische Untersuchung empfohlen, die einer molekularbiologischen Virusdiagnostik vorausgeht. Derzeit werden in bisher nicht betroffenen Bundesländern Blutproben entnommen und am FLI serologisch untersucht, um abschätzen zu können, wie weit sich die Infektion verbreitet hat.
Gesetzliche Regelungen
Es besteht Meldepflicht.
