Vitamin B 6- kritische Überdosierungen in Sportlerprodukten?

Vitamin B6 (Pyridoxin) ein Vitamin mit Potential

Vitamin B6 trägt u.a. bei:

  • zu einem normalen Energiestoffwechsel,
  • zu einer normalen Funktion des Nervensystems,
  • zu einem normalen Eiweiß- und Glycogenstoffwechsel,
  • zu einer normalen Funktion des Immunsystems,
  • zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung,
  • zur normalen Bildung roter Blutkörperchen als auch
  • zu einer normalen psychischen Funktion.

Aufgrund der wissenschaftlichen Bewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und gemäß Verordnung (EU) Nr. 432/2012 kann Vitamin B6 in der Kennzeichnung von Lebensmitteln auf diese Weise beworben werden. Dabei sind die Vorgaben, die an eine Vitaminquelle nach der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 gestellt werden, einzuhalten.

Seinen Eigenschaften verdankt das Multitalent Vitamin B6 auch den vielfältigen Einsatz u.a. in Nahrungsergänzungsmitteln und Sportlerprodukten.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt, für Erwachsene bei der ergänzenden Zufuhr von Vitamin B6 über Nahrungsergänzungsmittel eine Menge von 1,6 mg pro Tag einzuhalten bzw. die vorgeschlagene Höchstmenge von 5,4 mg an Vitamin B6 pro Tag aus Gründen des vorsorgenden Verbraucherschutzes nicht zu überschreiten.
Für die Anreicherung von Lebensmitteln des allgemeinen Verzehrs wird für einen Zusatz von Vitamin B6 eine Höchstmenge pro Tag für Erwachsene und Jugendliche zwischen 1,2 und 1,6 mg vorgeschlagen (1).
Die ausgesprochenen Zufuhrempfehlungen des BfR orientieren sich an den Referenzwerten für die Nährstoffzufuhr der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (D-A-CH, 2000) (2).

Vorliegende Daten zur Aufnahme von Vitamin B6 in Deutschland weisen nach Angabe des BfR darauf hin, dass im Durchschnitt deutlich mehr Vitamin B6 aufgenommen wird, als zur Bedarfsdeckung für erforderlich gehalten wird. Auch verfügt das Vitamin über eine gute Bioverfügbarkeit von ca. 75 % aus einer in Deutschland üblichen Mischkost. Untersuchungen belegen nur für einen geringen Teil der bundesdeutschen Bevölkerung eine unzureichende Versorgung. Zu den Risikogruppen gehören untergewichtige Personen, ältere Menschen mit geringer Nahrungsaufnahme und Personen mit chronisch hohem Alkoholkonsum bzw. Alkoholmissbrauch (1).

Toxikologische Aspekte einer Vitamin B6 Überdosierung

Für die Aufnahme von 500 mg Vitamin B6 oder mehr pro Tag ist ein relevantes toxikologisches Potential für Erwachsene klar zu erkennen, für eine Dosis von 100 mg Vitamin B6 pro Tag bei Langzeitaufnahme sind derartige unerwünschte Wirkungen nicht mit genügender Sicherheit auszuschließen (Scientific Committee on Food (SCF), 2000). In einer früheren Stellungnahme des SCF wurde eine Dosis von pro Tag über 50 mg bei Erwachsenen als potentiell schädigend angenommen (SCF, 1993). Basierend auf den Daten von Dalton und Dalton (1987) wurde vom SCF für Erwachsene ein UL (Tolerable Upper Intake Level) von 25 mg/Tag festgelegt. Mit dem UL-Wert wird die wahrscheinlich unbedenkliche tägliche Zufuhrmenge oder die so genannte tolerierbare höchste tägliche Zufuhrmenge ausgedrückt. Für die Altersgruppen der Kinder und für Jugendliche wurden in Abhängigkeit vom Körpergewicht geringere ULs abgeleitet (SCF, 2000) (1).

Unter hochdosierten isolierten Gaben von Vitamin B6 zeigten sich insbesondere neurotoxische Effekte, welche im Tierversuch bereits 1940 und im Rahmen von Humanstudien erstmals 1983 beschrieben wurden. Sowohl in Humanstudien, als auch im
Tierexperiment ist ein kausaler Zusammenhang zwischen höherer Vitamin B6-Zufuhr und der Entstehung von Neuropathien bzw. neurotoxischer Effekte begründbar, wobei neben der Höhe der Dosis auch die Einnahmedauer von besonderer Bedeutung zu sein scheint (1) (3).

Sind hohe Gehalte an Vitamin B6 in einem Lebensmittel als sicher anzusehen?

Die Zufuhr von Vitamin B6 kann in Abhängigkeit der eigenen Verzehrgewohnheiten über die unterschiedlichsten Lebensmittel erfolgen. Gute Quellen für Vitamin B6 sind u.a. Lachs, Walnüsse, Rinderleber, Avocado, Hühnerfleisch, Hering, mageres Schweinefleisch und Kartoffeln, die zwischen 0,98 und 0,19 mg Vitamin B6 pro 100g Lebensmittel liefern (1). Sowohl Nahrungsergänzungsmittel als auch diätetische Lebensmittel für intensive Muskelanstrengungen (Sportlerprodukte), können hierzu je nach Zusammensetzung einen erheblichen zusätzlichen Beitrag leisten.

Bis heute gibt es noch keine rechtlich verbindlichen Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe in Lebensmitteln.

Für Vitamin B6 wurde durch das SCF ein safe upper level (UL) von 25 mg/Tag festgelegt (Scientific Committee on Food, 2000), der für die Beurteilung der Sicherheit in Bezug auf Vitamin B6 bei der toxikologischen Einzelbewertung des betreffenden Lebensmittels herangezogen wird.
Für Lebensmittel (mit Nahrungsergänzungsmitteln und Sportlerprodukten) gibt es zudem im Gegensatz zu Arzneimitteln keine Beschränkungen in Bezug auf die Dauer der Einnahme, was bei der Bewertung zu berücksichtigen ist. Auch ist bei Lebensmitteln eine begleitende ärztliche Kontrolle hinsichtlich einer Zufuhr an Vitamin B6 nicht vorgesehen. Zudem ist immer zu berücksichtigen, dass die tägliche Aufnahme von Vitamin B6 meist nicht nur aus einer Quelle resultiert.
Wenn aufgrund seines hohen Vitamin B6 Gehalt pro Tagesverzehrsmenge ein Auftreten unerwünschter Wirkungen, wie sensorische neuropathische Effekte bzw. sonstige neurologische Symptome insbesondere bei längerfristigem Verzehr eines Produktes, nicht mit genügender Sicherheit ausgeschlossen werden kann, so ist das betreffende Lebensmittel u.E. als nicht sicher anzusehen,

Lebensmittel, die als nicht sicher einzustufen sind, werden als gesundheitsschädlich nach Art. 14 Abs. 2a VO (EG) Nr. 178/2002 beurteilt, über das Schnellwarnsystem (RASSF) auf Landes- und EU-Ebene kommuniziert und vom Markt entfernt.

Einsatz von Vitamin B6 in Sportlerprodukten

Vitamin B6 spielt eine wichtige Rolle im menschlichen Organismus, die den Einsatz in Sportlernahrungen begründen lässt, insbesondere im Eiweißstoffwechsel und Muskelaufbau.
Als wasserlösliches Vitamin wird speziell bei Kraftsportarten in Verbindung mit starkem körperlichen Schwitzen auf eine ausgleichende diesbezügliche Vitaminzufuhr abgestellt.
Sportlernahrungen für intensive Muskelanstrengungen werden oftmals als Nahrungsergänzungsmittel in Verkehr gebracht, obwohl sie den diätetischen Lebensmitteln zuzuordnen sind, für die andere Rechtsvorgaben bestehen. Als Lebensmittel unterliegen diese Produkte keinen Beschränkungen bezüglich der Dauer der Einnahme und sind in diversen Shops sowie besonders im Internethandel frei erhältlich. Über das Internet können jedoch auch Produkte aus dem nicht europäischen Ausland bezogen werden, die in Bezug auf eine Beurteilung als sicheres Lebensmittel nicht den Vorgaben nach EU-Recht entsprechen. Viele Produkte u.a. für Leistungssportler werden so mit ausschließlich englischsprachiger Kennzeichnung als sogenannte „Dietary Supplements“ vertrieben. Eine Kontrolle dieses unüberschaubaren Marktes mit den hierüber angebotenen Produkten ist nicht gewährleistet, so dass der Interessent derartiger Produkte diese vor dem Kauf in eigener Verantwortung kritisch prüfen sollte.

In Rahmen unserer Überprüfungen wurde in einigen Produkten, die bereits ihrer Kennzeichnung zufolge sehr hohe Vitamin B6-Gehalte aufwiesen, diese hohen Gehalte analytisch bestätigt. Derartige Produkte wurden als gesundheitsschädlich und damit als nicht sichere Lebensmittel beanstandet. Der save upper level von 25 mg/Tag wurde hierbei oft um das Doppelte sowie in einem Einzelfall vielfach überschritten.

Für den Verbraucher sind in der Produktkennzeichnung oder Beschreibung hohe deklarierte Zusätze an Vitamin B6 dadurch erkennbar, dass der hierfür angegebene RDA-Wert (recommended daily allowance, Empfehlung zur täglichen Nährstoffzufuhr) für die Tageszufuhr 100 % deutlich übersteigt (z.B. RDA 3500 % oder auch weit darüber).

Es wird daher empfohlen, insbesondere beim Bezug von Produkten über das Internet auf hohe Vitamin B6 Gehalte zu achten und dann eher auf einen Kauf zu verzichten.

Literatur

(1) BfR Wissenschaften 2004, Verwendung von Vitaminen in Lebensmitteln Teil I
Herausgegeben von A. Domke, R. Großklaus, B. Niemann, H. Przyrembel, K. Richter, E. Schmidt, A. Weißenborn, B. Wörner, R. Ziegenhagen
Toxikologische und ernährungsphysiologische Aspekte

(2) D-A-CH Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr 1. Auflage, korrigierter Nachdruck 2000, Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE), Frankfurt am Main

(3) Scott, K., Zeris, S., and Kothari, M.J. 2008. Elevated B6 levels and peripheral neuropathies. Electromyogr Clin Neurophysiol 48:219-223