Ethylenoxid in Sesam

In den letzten Monaten gab es verstärkt Berichte darüber, dass ganze Chargen an Sesamkörnern (frisch oder geröstet) von Produzenten, Importeuren oder Händlern zurückgenommen bzw. zurückgerufen wurden. Grund dafür war eine mögliche Gefährdung der Gesundheit von Verbrauchern, die durch Rückstände von Ethylenoxid verursacht werden könnte.

Ethylenoxid ist eine sehr reaktive chemische Verbindung, die bei Raumtemperatur gasförmig ist. Sie wird vor allem in tropischen Ländern eingesetzt um Lebensmittel vor deren Transport zu begasen und damit Schadorganismen wie z. B. Bakterien zu zerstören und einem Verderb vorzubeugen. Auf Grund der Reaktivität des Ethylenoxids entsteht nach der Behandlung auch in erheblichem Umfang sein Hauptmetabolit 2-Chlorethanol. In der Europäischen Union ist eine Behandlung von Lebensmitteln mit Ethylenoxid seit längerem nicht mehr zugelassen, in Drittstaaten außerhalb der EU wird sie, wie die Ergebnisse zeigen, dennoch angewendet.

Analytisch können die beiden Substanzen Ethylenoxid und 2-Chlorethanol nicht mit einer sogenannten Multimethode bestimmt werden, die es ermöglicht, mehrere hundert Wirkstoffe von Pflanzenschutzmitteln in einem Untersuchungsgang nachzuweisen und zu quantifizieren. Damit sie erfasst werden können, muss eine sehr intensive und aufwändige, spezielle Einzelstoffanalytik betrieben werden. Der analytische Aufwand steigt nochmal, wenn zwischen beiden Substanzen differenziert werden soll.

Lebensmittelrechtlich betrachtet wird Ethylenoxid als Pflanzenschutzmittel eingeordnet, Rückstände sind deshalb in den einschlägigen Rechtsgrundlagen geregelt. Da eine Begasung mit Ethylenoxid in der EU nicht zugelassen ist, orientieren sich die für einzelne Lebensmittelgruppen festgelegten Grenzwerte (Höchstgehalte) an der Leistungsfähigkeit (Bestimmungsgrenze) der Untersuchungsverfahren. Im Falle von Sesam wurde deshalb beispielsweise ein Höchstgehalt von 0,05 mg/kg Lebensmittel festgelegt. Für dessen Überprüfung wurde bestimmt, dass ermittelte Gehalte von Ethylenoxid und 2-Chlorethanol (das auf Ethylenoxid umgerechnet wird) addiert werden müssen, bevor eine lebensmittelrechtliche Überprüfung vorgenommen wird. Um ausschließlich den genannten Höchstgehalt überprüfen zu können, ist eine Kenntnis der vorliegenden, konkreten Konzentrationen der einzelnen Substanz nicht notwendig, es genügt den Gesamtgehalt im Lebensmittel zu bestimmen. Sesam, der Ethylenoxid bzw. 2-Chlorethanol über dem Höchstgehalt enthält, darf nicht in den Verkehr gebracht, d. h. abgegeben, und auch nicht mit unbelasteten Chargen vermischt oder zur Herstellung von anderen Lebensmitteln verwendet werden. Bereits in Verkehr gebrachte (Teil-)Mengen belasteter Chargen müssen von den Herstellern bzw. Importeuren zurückgenommen und dürfen für Lebensmittelzwecke innerhalb der EU nicht weiterverwendet werden.

Anders stellt sich die Situation dar, wenn überprüft werden soll, ob sich aus den nachgewiesenen Gehalten eine Gesundheitsgefährdung für den Verbraucher ergibt. Um dies beurteilen zu können, muss bekannt sein, welche Mengen an Ethylenoxid bzw. 2-Chlorethanol vorliegen, da sie unterschiedlich toxikologisch bewertet werden.

Ethylenoxid ist ein gentoxischer, kanzerogener Stoff, der in die Kanzerogenitäts-Kategorie 1 als beim Menschen krebserzeugend eingestuft wurde. Die Kanzerogenität ist auf Grund der Flüchtigkeit von Ethylenoxid als Gas am relevantesten nach inhalativer Exposition, aber auch für die Aufnahme beim Verschlucken wurde im Tierversuch die Auslösung von Tumoren beobachtet. Vergleichsweise wenig Informationen sind zur akuten Toxizität von Ethylenoxid nach oraler Aufnahme verfügbar. Deshalb kann das gesundheitliche Risiko nach kurzfristiger Aufnahme von Ethylenoxid nur schwierig abgeschätzt werden, die aktuell gefundenen Gehalte geben aber keinen Anlass zur Besorgnis, dass kurzfristige Wirkungen auftreten könnten. Für die toxikologische Bewertung von Rückständen an Ethylenoxid wesentlich bedeutender ist seine Toxizität als Kanzerogen nach langfristiger Exposition, hier sind gesundheitsschädliche Wirkungen auch bei relativ geringen Konzentrationen denkbar.

Für 2-Chlorethanol ist die akute Toxizität vergleichsweise hoch, wie verschiedene Tierversuche gezeigt haben. Auch hier kann jedoch davon ausgegangen werden, dass bei den bisher gefundenen Konzentrationen nach kurzfristiger Aufnahme keine gesundheitsschädlichen Wirkungen auftreten. Kontrovers diskutiert wird dagegen die Einordnung von 2-Chlorethanol hinsichtlich einer kanzerogenen Wirkung, da dazu bislang keine Ergebnisse aus Tierversuchen vorliegen, die auf eine eindeutige krebserzeugende Wirkung hindeuten. Nach Auffassung des LGL kann daher dieser Stoff nicht als kanzerogen erachtet werden, andere gesundheitsschädliche Wirkungen sind jedoch möglich.

Damit beurteilt werden kann, ob von einer Sesamcharge eine Gesundheitsgefährdung für den Menschen ausgeht, ist es daher nicht ausreichend, lediglich den Summenparameter zu kennen. Dazu ist wichtig zu wissen, in welchen Konzentrationen die beiden Substanzen im jeweiligen Produkt vorliegen.

Erzeugnisse, die bereits bei kurzfristiger Aufnahme geeignet sind die Gesundheit des Menschen zu schädigen und bereits beim Verbraucher angekommen sein können, müssen auch öffentlich zurückgerufen werden. Zudem werden sie über das europäische Schnellwarnsystem für Lebens- und Futtermittel auch den anderen Mitgliedstaaten mitgeteilt.

Bei den bisherigen Untersuchungen zeigte sich, dass der Summenparameter, der für die Beurteilung nach dem Rückstandsrecht entscheidend ist, nahezu ausschließlich auf 2-Chlorethanol zurückzuführen war. Bei differenzierenden Untersuchungen wurde Ethylenoxid nur in sehr seltenen Fällen nachgewiesen. Die bisher nachgewiesenen Mengen von Ethylenoxid bzw. 2-Chlorethanol waren nur in Ausnahmefällen so hoch, dass eine Gesundheitsgefährdung des Menschen nicht ausgeschlossen werden konnte.

Auf die in den letzten Monaten verstärkt aufgetretenen Nachweise von Ethylenoxid bzw. 2-Chlorethanol hat die EU reagiert und hat den Anteil an Importen aus Drittstaaten in die EU, der zwingend überprüft werden muss, deutlich erhöht.