Psychische Belastungen in Kindertageseinrichtungen - eine Schwerpunktaktion von Gewerbeaufsicht und LGL

Das pädagogische Personal in Kindertageseinrichtungen (Kitas) ist einer Vielzahl von psychischen Belastungsfaktoren ausgesetzt. Dazu zählen unter anderem Lärm, Zeitdruck, viele gleichzeitig zu verrichtende Arbeitsaufgaben (Bildungs-, Betreuungs-, Erziehungs- und Verwaltungstätigkeiten et cetera), hohe Gruppenstärken sowie Konfliktpotenziale mit verhaltensauffälligen Kindern, mit Eltern und Trägern. Eine Befragung der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) im Jahr 2000 ergab, dass 26,3 % der Erzieher/ innen in Deutschland in ihrer Arbeit "hohen Stress" erlebten. Sie litten zudem erheblich stärker als die Vergleichsbevölkerung unter psychosomatischen Beschwerden (27 % über dem Durchschnitt).

Logo der Gewerbeaufsicht in Bayern

Vor diesem Hintergrund hat die bayerische Gewerbeaufsicht 2008/2009 in Zusammenarbeit mit dem LGL eine Aktion in bayerischen Kindergrippen und Kindergärten durchgeführt, die sich schwerpunktmäßig den psychischen Fehlbelastungen widmete. Ziel war es, gemeinsam mit den Beschäftigten die psychischen Belastungsfaktoren "vor Ort" zu analysieren und Maßnahmen zur Reduktion von psychischen Fehlbelastungen umzusetzen.

Methodisches Vorgehen

Vor der Besichtigung der ausgewählten Kindertageseinrichtungen wurden die Erzieher/innen anonym zu ihren Belastungen und zu Optimierungsmöglichkeiten ihrer Arbeitsbedingungen befragt. Darüber hinaus wurde ihnen eine Liste mit gesundheitlichen Beschwerden und Beeinträchtigungen vorgelegt. In dieser Liste sollten sie alle Beschwerden ankreuzen, unter denen sie des Öfteren litten und die ihrer Ansicht nach auf ihre berufliche Tätigkeit zurückzuführen wären.

Die anonym ausgewerteten und aufbereiteten Ergebnisse der Mitarbeitereinstufungen wurden in Gesprächen mit der Leitung und dem Träger der Kindertageseinrichtung – zum Teil unter Hinzuziehung von Personalvertretung, Betriebsarzt, Fachkraft für Arbeitssicherheit – diskutiert und es wurden Lösungsmöglichkeiten erörtert.

Weitere Aspekte in den Gesprächsrunden und der anschließenden Besichtigung der Einrichtung waren ergonomische Maßnahmen, Lärmminderungsmaßnahmen, Pausen- und Arbeitszeitregelungen sowie die vom Arbeitsschutzgesetz verlangte Integration psychischer Belastungen in die Gefährdungsbeurteilung. Im Anschluss an die Gespräche wurden mit der Leitung der Einrichtung Maßnahmen zur Belastungsoptimierung besprochen sowie Auflagen mit Fristsetzung erteilt, wenn Arbeitsschutznormen nicht erfüllt waren.

Ergebnisse

Insgesamt wurden 557 Kindertageseinrichtungen aufgesucht, das entspricht knapp 9 % aller Einrichtungen in Bayern, darunter waren auch Krippen (20 %) und integrative Kindertageseinrichtungen (11 %). In 62 % der besichtigten Einrichtungen beteiligten sich die Erzieher/-innen an der Befragung, sodass die Einstufungen von knapp 2.900 Erzieher/-innen in die Auswertung einbezogen werden konnten.

Ein zentrales Ergebnis der Schwerpunktaktion war, dass 92 % der Einrichtungen keine adäquate Gefährdungsbeurteilung unter Einschluss psychischer Belastungen durchgeführt und somit nicht die wesentliche Voraussetzung dafür geschaffen hatten, geeignete Mittel zur Verbesserung der Belastungssituation ihrer Beschäftigten ergreifen zu können. In Form von Mängelschreiben wurde denn auch von diesen Einrichtungen verlangt, entsprechend eine ganzheitliche Gefährdungsbeurteilung vorzunehmen.

Psychische und körperliche Beschwerden

Psychische Beschwerden, die die Befragten auf ihre berufliche Tätigkeit zurückführen, waren:

  • 44 % berichteten in diesem Zusammenhang von Stress und dem Gefühl, "nicht abschalten zu können"
  • 39 % gaben Kopfschmerzen an und ebenso viele Erschöpfung und das Gefühl, "ausgebrannt" zu sein
  • 29 % brachten Nervosität, innere Unruhe beziehungsweise leichte Erregbarkeit mit ihrer Arbeit in Verbindung
  • 20 % litten unter Schlafstörungen

Die häufigsten körperlichen Beeinträchtigungen mit Bezug zur Arbeit waren Rückenschmerzen und Wirbelsäulenerkrankungen (63 %). Es folgten Muskel- und Skeletterkrankungen (13 %) sowie Herz-/Kreislauf- Beschwerden (8 %).

Arbeitsbedingte psychische Belastungen

Insgesamt lagen die Belastungseinschätzungen durch die Erzieher/-innen in einem mittleren bis hohen Bereich. Im Durchschnitt wurde Lärm am belastendsten erlebt (vergleiche Abbildung 1). 21 % empfanden ihn als "sehr hohe" Belastung, 36 % als "hohe" Belastung. Ähnlich hoch war die Belastung durch "(zu) große Gruppenstärken", die nach Ansicht von 25 % der Befragten eine "sehr hohe" Belastung und für 28 % eine hohe Belastung darstellten. Hohe Belastungen resultieren weiterhin aus dem Umgang mit schwierigen/verhaltensauffälligen Kindern, Zeitdruck, (zu) geringer Personaldecke und vielen verschiedenen, parallel zu verrichtenden Arbeitsaufgaben. Konflikte (mit der Kindergartenleitung, Kollegen und Eltern) spielten im Durchschnitt dagegen nur eine geringe Rolle im Belastungsempfinden.

Maßnahmen zur Verbesserung der Belastungssituation der Erzieher/innen

Die wirkungsvollsten Beiträge zur Verbesserung ihrer Belastungssituation sahen die befragten Erzieher/-innen im Mittel in Maßnahmen zur Reduzierung des Lärmpegels und in der Bereitstellung geeigneter Sitzmöbel in den Gruppenräumen (vergleiche Abbildung 2). 29 % der Befragten etwa waren der Ansicht, dass geeignete Sitzmöbel zu einer "sehr großen" Verbesserung der eigenen Belastungssituation führen würden, 25 % sahen darin eine "große" Verbesserung.

Aber auch mehr und verbesserte Fortbildungsmöglichkeiten (zum Beispiel zu den Themen Entspannungstechniken und Stressbewältigung), rechtzeitige Information, transparente und nachvollziehbare Entscheidungen sowie mehr Unterstützung durch den Träger wurden als Maßnahmen zur Belastungsoptimierung vergleichsweise hoch eingeschätzt.

Einen vergleichsweise geringeren Nutzen im Sinne einer Belastungsoptimierung versprachen sich die Befragten von besseren Arbeitszeitregelungen, größeren Mitsprachemöglichkeiten bei der Einteilung und Erledigung von Arbeitsaufgaben sowie einer intensiveren Unterstützung durch die Kita-Leitung.

Zu berücksichtigen ist bei diesen Ergebnissen, dass es sich hierbei um Durchschnittswerte handelt. Je nach Einrichtung wurden die Verbesserungsmaßnahmen – abhängig von der Situation "vor Ort" – hinsichtlich ihres Nutzens unterschiedlich bewertet. Während insgesamt eine intensivere Unterstützung durch die Leitung der Einrichtung mit dem Wert "mittel bis niedrig" eingestuft wurde, würde sie für 6 % der Befragten zu einer "sehr großen" Optimierung der eigenen Belastungssituation und für 12 % zu einer "großen" Verbesserung führen.

Fazit

Insgesamt zeigen die Ergebnisse dieser Schwerpunktaktion deutlich, dass sowohl Bedarf besteht als auch Handlungsmöglichkeiten existieren, die Belastungssituation von Erzieher/-innen zu verbessern. Ihr Wohlbefinden, ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit sind – gerade angesichts des demografischen Wandels und der damit verbundenen älter werdenden Erwerbsbevölkerung – eine zentrale Voraussetzung dafür, dass sie ihren Bildungs- und Betreuungsaufgaben adäquat nachkommen können. Eine ausführliche Darstellung von den Methoden, Vorgehensweisen und Ergebnissen der Schwerpunktaktion findet sich unter www.lgl.bayern.de (Stichworte: Arbeitsschutz und Arbeitspsychologie).

Belastungsempfinden von Erzieher/innen

Abbildung 1: Belastungsempfinden von Erzieher/innen (n=2.899)

Bewertung von Optimierungsmaßnahmen durch Erzieher/innen

Abbildung 2: Bewertung von Optimierungsmaßnahmen durch Erzieher/innen (n=2.890)