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Bayerisches Landesamt für
Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Neospora caninum: Aborterreger beim Rind

Erreger

Neospora caninum ist ein einzelliger Parasit (Protozoon), der als Abortursache (Verwerfensursache) beim Rind in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit bekam. Der Erreger ist erst vor knapp 20 Jahren entdeckt worden. Der genaue Verlauf der Erkrankung ist deshalb noch nicht geklärt und führt zu unterschiedlichen Aussagen.

Entwicklungs-Zyklus

Der Hund ist gegenwärtig der einzig bekannte Endwirt (=Tierart, die infektiöse Stadien beherbergt und ausscheidet). Infizierte Hunde können mit dem Kot die "gefährlichen " Parasiten-Eier (Oozysten) bis zu 3 Wochen abgeben und somit andere empfängliche Tierarten (=Zwischenwirte) anstecken. Als natürliche Zwischenwirte sind bislang Rinder, Büffel, Schafe, Ziegen, Pferde, Füchse und auch der Hund selbst bekannt. Nehmen diese Tierarten die Neospora-Eier mit dem Futter oder Wasser auf, kommt es zum Befall von verschiedenen Organen, der Frucht (Fetus) und der Fruchthüllen (Plazenta). Hierbei kommt es zur Teilung der Parasiten (Endodyogenie), zum Untergang der Wirtszelle und zur Bildung von Gewebezysten mit vielen neuen Parasiten (Bradyzoiten). Nimmt der Hund derart infiziertes Fleisch, das von einem Zwischenwirt stammt, auf, ist der Entwicklungs-Kreis wieder geschlossen (siehe auch Abbildung 1)

Es besteht auch die Möglichkeit, dass die Infektion innerhalb des Fruchtleibes des Muttertieres auf die Frucht übertragen wird (diaplazentare Infektion). Bis zu 90 % der infizierten Kühe bringen auf diese Weise infizierte Kälber zur Welt. Diese sind dann wiederum Träger und Ausscheider von Neospora caninum.

Zyklus des Neospora caninum

Abbildung 2: Entwicklungszyklus von N. caninum (modifiziert nach LÖSCHENBERGER et al., 2000)

Übertragung

Hunde müssen sich erst selbst infizieren um dann andere Tierarten, zum Beispiel Rinder, über die Eierausscheidung anstecken zu können. Wahrscheinlich häufigste Infektionsquelle für Hunde sind abortierte Früchte und Fruchthüllen beziehungsweise Nachgeburten von infizierten Tieren. Verbreiter der Neospora caninum-Infektion sind Hunde, die Zugang zu Abort- und Nachgeburtsmaterial (Stall, Misthaufen) haben und gleichzeitig ihren Kotabsatz auf einer Futterwiese (eventuell sogar Futtertisch) verrichten können. Hauptsächlicher Überträger ist somit der eigene Hofhund beziehungsweise Nachbarhund, der ähnliche Möglichkeiten zum Betreten des Hofes besitzt. Eine weitere Infektionsmöglichkeit für Hunde besteht durch Verfütterung von rohem Fleisch. Außenstehende (fremde) Hunde, zum Beispiel Stadthunde, sind in aller Regel von diesem Infektionsgeschehen (Dosenfütterung!) ausgeschlossen. Über Hundekot ausgeschiedene Parasiten-Eier (Oozysten) durchlaufen außerhalb des Körpers eine kurze Reifungsphase (Sporogonie) und erweisen sich dann als äußerst widerstandsfähig, das heißt, sie können Wochen bis Monate im Futter oder Wasser überleben. Eine Übertragung auf den Menschen ist derzeit nicht bekannt und auch noch nicht nachgewiesen worden.

Eine weitere Möglichkeit der Erregereinschleppung in den Bestand ist der Zukauf von infizierten weiblichen Rindern, welche die Infektion auf ihre Nachkommen "weiter vererben". Dies trifft auch für infizierte Trägertiere beim Embryotransfer zu.

Auswirkungen

Die bekanntesten und schwerwiegendsten Auswirkungen einer Neospora caninum-Infektion sind die Reproduktionsstörungen beim Rind. Aborte treten ab dem 3. Monat auf, am häufigsten geschehen diese im 5. bis 6. Monat der Trächtigkeit.

Ein seuchenhafter Verlauf der Aborte innerhalb einer kurzen Zeit (Epidemie) deutet eher auf eine Infektion durch Hundekot hin. Immer wieder auftretende Abortfälle, verteilt über eine längere Zeit (Endemie), lassen mehr auf eine Infektion im Mutterleib schließen. Wesentlich seltener zeigen Kälber, Hunde und Pferde Ausfallserscheinungen (neurologischer Art), die durch eine schädigende Infektion des Gehirnes zustande kommen.

Diagnose

Der serologische Nachweis von Neospora caninum-Antikörpern in der Blutprobe ist der einfachste. Serologisch positiv getestete Tiere bleiben immer positiv, da man heute davon ausgeht, dass die Infektion, einmal erworben, lebenslang anhält.

Nachweislich verwerfen Kühe, die im Bluttest (Serologie) positiv auf Neospora caninum-Antigen reagieren, 2-3-mal häufiger als Kühe, die im Bluttest nicht reagieren. Wiederholtes Verwerfen beim positiven Tier tritt sogar bis zu 6-mal häufiger auf.

Der direkte Erregernachweis in der abortierten Frucht oder Fruchthülle wird mit speziellen Färbetechniken an Gewebeschnitten (Immunhistochemie) bzw. durch den Nachweis von Erbmaterial der Parasiten (PCR) geführt. Beides ist aufwändig und teuer.

Therapie/Vorsorge

Derzeit ist kein Medikament bekannt, das Rinder von einer Neospora caninum-Infektion befreien kann. In Deutschland ist derzeit noch kein Impfstoff zugelassen.

Vorkommen in Bayern

Genaue Angaben über das Vorkommen sind leider noch nicht verfügbar. Bei der Auswertung von Routineuntersuchungen für Nordbayern am LGL Erlangen reagierten 6,8% (92/1357) der serologisch untersuchten Rinder positiv und 22,3% (49/220) der beprobten Betriebe hatten infizierte Tiere in der Herde. Weitere gezielte Untersuchungen zur Häufigkeit für Bayern sind geplant.

Rinderaborte durch Neospora caninum - Welche Gefahren gehen von Hundekot auf Weiden aus?

Abbildung 3: MMikroskopische Aufnahme des Gehirnes eines abortierten Rinderfetus mit immunhistologischem Nachweis von Neospora caninum-Tachyzoiten.

Abbildung 3: Mikroskopische Aufnahme des Gehirnes eines abortierten Rinderfetus mit immunhistologischem Nachweis von Neospora caninum-Tachyzoiten

Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) hat ermittelt, dass erst ab einem regelmäßigen (das heißt wöchentlich am häufigsten zweimal, jedoch mindestens einmal und höchstens fünfmal) Aufenthalt von mindestens 87 Hunden während der Weidesaison auf einem Grünlandareal (Weide, Mähweide) ein geringes Abortrisiko besteht. Selbst wenn die angenommene Oozysten-Ausscheidung verzehnfacht wird, müssten nach diesem Simulationsmodell immer noch mindestens 14 Hunde während der gesamten Weidesaison dieses Areal regelmäßig aufsuchen, um ein geringes Abortrisiko für den Rinderbestand darzustellen. Die Einbeziehung von "worst case"-Szenarien in diese Simulation berechtigt zu der Annahme, dass die Zahl von Hunden, die sich auf einem Grünlandareal aufhalten müssen, um mindestens einen N. caninum-bedingten Abort auszulösen, unterschätzt wird, sodass das reale Abortrisiko für Rinderherden, das durch Hunde auf Grünlandarealen entsteht, noch geringer ist. Aufgrund der in den Rinderhaltungsregionen der Bundesrepublik bekannten Hundedichten wird davon ausgegangen, dass solche Begehungsintensitäten durch Hunde auf Grünlandarealen in der Regel nicht erreicht werden.

Als Präventionsmaßnahmen hinsichtlich N.caninum-assoziierter Aborte in Rinderbeständen sind daher die Unterbindung des Zugang von Hunden, insbesondere von Hofhunden, zum Stall und den Futterlagerplätzen sowie die Vermeidung des Zukaufs infizierter Rinder wirksamer, als die Verhinderung des Zugangs von Hunden auf Gründlandareale.

Empfehlungen zum Schutz vor Infektion und Maßnahmen bei Aborten

  • Bei Verdacht Blut (Vollblut/Serum) von Rindern, die verworfen haben, serologisch untersuchen lassen.
  • Serologisch positiv reagierende Rinder bleiben lebenslang infiziert. Deren Nachwuchs ist mit 90 % Wahrscheinlichkeit ebenfalls infiziert. Die langfristige Abschaffung der Tiere ist zu überlegen.
  • Bei Zukauf von Rindern ist deren Blut zuerst serologisch auf Antikörper gegen Neospora caninum zu untersuchen.
  • Zugang von Hunden (vor allem vom eigenen Hofhund und von Nachbarhunden) zur Stallung und zu verworfenen Früchten und Nachgeburtmaterial (Misthaufen) sollte verhindert werden.
  • Hofhunde sind nach derzeitigen Erkenntnissen die Hauptinfektionsquelle (s. o.), deshalb sollte man diesen kein rohes Fleisch verfüttern.
  • Wenn möglich verhindern, dass Futter der Rinder durch Hundekot verschmutzt wird.

Literatur

  • Conraths F. J., Schares G.: Diagnostik und Epidemiologie Neospora-caninum-assoziierter Aborte beim Rind. Tierärztliche Praxis (G) 27, S. 145-153, 1999.
  • Dubey J.P.: Review of Neospora caninum and neosporosis in animals. Korean J. Parasitol. 41, S. 1-16, 2003.
  • Weber A., Zetzmann K., Ewringmann Th.: Vorkommen von Antikörpern gegen Neospora caninum bei Kühen in nordbayerischen Beständen mit Abortproblemen. Tierärztliche Umschau 55 S. 27-29, 2000.
  • Sörgel, S., Müller, M., Schares, G., Neuss, T., Puchta, H., Kreuzer, P., Ewringmann, T., Ehrlein, J., Bogner, K.-H., Schmahl, W. (2009): Beteiligung von Neospora caninum bei Rinderaborten in Nordbayern. Tierärztliche Umschau 64 (2009), S. 235-243.

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