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Bayerisches Landesamt für
Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Muttermilchuntersuchungen im Öffentlichen Gesundheitsdienst

Weltweit wird seit Mitte der Siebzigerjahre die Muttermilch auch auf Fremdstoffe untersucht, da sich in ihr das Vorkommen vor allem fettlöslicher, schwer abbaubarer Schadstoffe aus der Umwelt gut abbildet. In Bayern ist diese Untersuchung seit 1985 Tradition.

Welche Fremdstoffe wurden bisher in der Muttermilch bestimmt?

Am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) wird zum einen Muttermilch routinemäßig zum anderen im Rahmen von Sonderuntersuchungsprogrammen auf bestimmte Fremdstoffe untersucht.

Routineuntersuchungen

Mütter, bei denen eine überdurchschnittliche Belastung vermutet wird und die eine Stillzeit von mehr als vier Monaten anstreben, können ihre Muttermilch über das Gesundheitsamt an das Sachgebiet R 1.2 des LGL schicken und auf Fremdstoffe untersuchen lassen. Dabei wurden bisher insbesondere folgende Stoffklassen untersucht:

  • chlororganische Verbindungen (z. B. DDT, Dieldrin, Lindan, Hexachlorbenzol), welche hauptsächlich in der Landwirtschaft als Insektizide oder Fungizide eingesetzt wurden,
  • PCB (polychlorierte Biphenyle), die in den verschiedensten technischen Bereichen Verwendung finden (z. B. in Kondensatoren und Feuer hemmenden Anstrichen), und
  • Moschusduftstoffe (fettlösliche Verbindungen, die in vielen Produkten wie Kosmetika, Seifen, Wasch- und Reinigungsmittel als Parfümbestandteile enthalten sind). Moschusduftstoffe sind Ersatzstoffe für natürlichen Moschus und werden über die Haut aufgenommen. Es gibt Nitromoschusverbindungen (Moschus Xylol, Moschus Keton, Moschus Ambrette) und polycyclische Moschusverbindungen (Galaxolide, Tonalide, Celestolide). Eine kurze Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse finden Sie unter:

Chlororganische Verbindungen, PCB und Moschusduftstoffe sind allesamt fettlöslich und werden in der Umwelt meist sehr langsam abgebaut. Sie reichern sich über die Nahrungskette Pflanze–Tier–tierische Lebensmittel auch im Fettgewebe des Menschen an. Trotz eines wiederholt langjährigen Herstellung- und Anwendungsverbots in Deutschland sind sie aufgrund ihrer Beständigkeit immer noch in der Umwelt, in den Nahrungsketten und letztlich im Menschen nachweisbar.

Sonderuntersuchungen

Welche Ergebnisse erbrachten bisherige Muttermilchuntersuchungen?

Informationen zum Untersuchungsumfang in Bayern bezüglich Fremdstoffkonzentrationen in der Muttermilch:

Welche Ursachen liegen der Muttermilchbelastung der einzelnen Mütter zugrunde?

Informationen über die Faktoren, die Muttermilchbelastung bewirken:

Bewertung von Muttermilchuntersuchungen

Rückstände in der Muttermilch wurden in den Achtzigerjahren und am Anfang der Neunzigerjahre anhand von "Richtwerten für die Muttermilch" beurteilt. Diese Werte wurden bereits 1995 von der Nationalen Stillkommission kritisiert. Sie werden heute nicht mehr zur Beurteilung von Muttermilchuntersuchungen herangezogen.

Im Jahr 2009 wurde von der Human-Biomonitoring Kommission des Umweltbundesamtes "Referenzwerte für Muttermilch " (einzusehen unter dem Link im rechten Kasten) für PCB, β-HCH, HCB und Gesamt-DDT veröffentlicht. Diese Referenzwerte basieren auf den Untersuchungsergebnissen von Muttermilchuntersuchungen aus den Jahren 2003–2005. Da die Fremdstoffgehalte kontinuierlich sinken, entsprechen diese Werte nicht der derzeit üblichen Hintergrundbelastung der Frauenmilch. Es handelt sich um rein statistisch definierte Größen, die nicht toxikologisch abgeleitet wurden. Eine deutliche Überschreitung dieser Referenzwerte bedeutet, dass die festgestellte Belastung der Frauenmilch höher liegt als üblicherweise zu erwarten gewesen wäre. Bei Überschreitung des Referenzwertes muss keine unmittelbare gesundheitliche Beeinträchtigung von Mutter oder Kind befürchtet werden. Stillen für sechs Monate kann der Mutter in der Regel trotzdem uneingeschränkt empfohlen werden. Im Jahr 2011 wurden die Dioxingehalte in der Frauenmilch vom Bundesinstitut für Risikobewertung anlässlich aktuell aufgetretener Lebensmittelbelastungen beurteilt (einzusehen unter dem zweiten link im rechten Kasten).

Kann auf Muttermilchuntersuchungen heute verzichtet werden?

Fremdstoffe, die von Natur aus nicht in der Muttermilch vorkommen, sind aus Sicht des vorbeugenden Gesundheitsschutzes unerwünscht. Somit kann auf Kontrolluntersuchungen, ob derartige Stoffe und in welcher Höhe sie in der Frauenmilch vorkommen, nicht verzichtet werden. Durch die Verfolgung der zeitlichen Entwicklungen von bekannten Fremdstoffen in der Muttermilch wie z. B. PCB kann der Erfolg staatlicher Minimierungsstrategien kontrolliert werden. Neue Problemstoffe wie z. B. die polybromierten Flammschutzmittel (PBDE) können zudem frühzeitig erkannt werden. Nur so können Umwelt- und Gesundheitsbehörden rechtzeitig reagieren und vorbeugende Minimierungsmaßnahmen ergreifen, lange bevor sich eine Gesundheitsgefahr ausprägen kann.

Weiterführende Projekte des LGL

Vor diesem Hintergrund der Prävention führt das LGL im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit (StMUG) derzeit ein Forschungsprojekt zur "Neuausrichtung der Muttermilchuntersuchung" durch:

Weiterführende Literatur

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