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Bayerisches Landesamt für
Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Verborgene Risiken - Umfang und Bedeutung von Lebensmittelinfektionen in Deutschland

Durch Lebensmittel übertragene Krankheiten verursachen weltweit erheblichen Schaden. Nach einer Studie in den USA erkranken jährlich ca. 76 Millionen Bürger, 325.000 werden deswegen in ein Krankenhaus eingewiesen und ca. 5.000 Personen sterben an den Folgen ihrer Krankheit [1]. In England und Wales wurden in einer Untersuchung ca. 2,4 Millionen Erkrankungen pro Jahr, rund 21.000 Krankenhauseinweisungen und über 700 Todesfälle als lebensmittelbedingt ermittelt [11]. Es kann davon ausgegangen werden, dass in den meisten entwickelten Ländern ähnliche Zahlen für die Erkrankungslast existieren [16].

Ursachen für Lebensmittelinfektionen

Die Ursachen für Krankheiten, die durch Lebensmittel verursacht werden, sind vielfältig. In der modernen Tierhaltung werden beispielsweise häufig Masthilfsmittel eingesetzt. Wenn es sich dabei um Antibiotika oder Antibiotika-ähnliche Substanzen handelt, kann es gravierende Folgen für die menschliche Gesundheit haben. Man geht davon aus, dass die in der Humanmedizin beobachtete Vancomycin-Resistenz von Enterokokken (VRE) in Europa auf den Einsatz von Avoparcin in der Tiermast zurückzuführen ist [9, 14]. Diese Vancomycin-Resistenz erhält dann eine besondere Bedeutung, wenn man die Resistenzmuster von multiresistenten Staphylococcus aureus-Stämmen (MRSA), die bei Krankenhausinfektionen eine zunehmende Rolle spielen, betrachtet. Über lange Zeit galt Vancomycin als einzig noch verfügbares Therapeutikum bei MRSA-Infektionen. Es bestand die Befürchtung, dass die Vancomycin-Resistenz von VRE auf MRSA-Stämme übertragen werden könnte und dass damit keinerlei Therapie mehr möglich sei. Inzwischen gibt es neue Antibiotika für MRSA-Infektionen, doch auch hier nimmt die Resistenz der Patientenstämme bereits wieder zu.

Chemikalien

Die Kontamination von Lebensmitteln mit Chemikalien ist vielfältig in der Literatur dokumentiert. Allerdings können gesundheitliche Schädigungen häufig nicht auf sie zurückgeführt werden, weil der Verzehr der Lebensmittel und z. B. das Auftreten von Krebs oder Schäden des Immunsystems in keinem nahen zeitlichen Zusammenhang stehen [16]. Das Vorhandensein von Toxinen kann bei geringgradiger Kontamination mit beispielsweise Mykotoxinen auch ein eher langfristiges Gesundheitsproblem darstellen, bei dem Vorkommen von z. B. Saxitoxin ist mit kurzfristig auftretenden Gesundheitsstörungen zu rechnen. Weit im Vordergrund stehen jedoch bei der Betrachtung möglicher negativer Gesundheitsfolgen durch den Verzehr von Lebensmitteln die Erkrankungen, die durch Bakterien, Viren oder Parasiten hervorgerufen werden.

Umwelt

Durch Änderungen in der Landwirtschaft, d. h. durch das Verbot, Klärschlamm oder Abwasser zur Düngung oder Bewässerung von Feldfrüchten zu verwenden und bei gleichzeitiger Intensivierung der Fleischbeschau, ist es im Laufe des letzten Jahrhunderts gelungen, die Kontamination der Umwelt mit Parasiten und deren Weiterverbreitung über die Nahrungskette zu minimieren. Parasitosen sind daher heute vergleichsweise selten zu sehen. Über das Vorkommen und Überleben von Bakterien in Lebensmitteln existiert seit Jahrzehnten eine Fülle von Studien, die Bedeutung von Viren bei lebensmittelbedingten Infektionen wurde bisher eher vernachlässigt. Neuere Schätzungen gehen von einem Anteil zwischen 10 und 40 % aus [16], aber auch höhere Prozentsätze sind in der Diskussion. Dass hier genauere Daten fehlen, liegt sicherlich auch an dem im Vergleich zu Bakterien deutlich schwieriger zu führendem Nachweis von Viren in Lebensmitteln. Die neuen molekularbiologischen Methoden werden in der Zukunft wertvolle Daten liefern.

Tierhaltung

Insgesamt ist die Zahl der durch Lebensmittel übertragenen Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Als Gründe gelten veränderte Bedingungen für das Auftreten von Pathogenen, veränderte Eigenschaften der pathogenen Erreger und veränderte Überwachungssysteme. Durch die Massentierhaltung ist es notwendig geworden, Futtermittel, die nicht im normalen Umfeld der gehaltenen Tiere wachsen, zuzufüttern. Die Folgen sind in der BSE-Krise besonders deutlich geworden [2], aber auch das einfache Importieren von Salmonella-haltigen Futtermitteln hat zusammen mit enger Tierhaltung zu einer Durchseuchung der Tierbestände geführt. In Gegenden, in denen diese Praxis noch nicht herrscht, z. B. bei der Rentierzucht im finnischen Lappland, sind solche Kontaminationen nicht zu finden [8]. Ebenfalls durch die enge Tierhaltung ist es z. B. zu einer massiven Durchseuchung von Geflügelbeständen mit Campylobacter spp. gekommen. In der Folge haben zahlreiche Arbeitsgruppen versucht, die Mechanismen, die dazu führen, aufzudecken, um geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen. [6, 7, 13, 18-20].

Vielfalt an Lebensmitteln

Fortschritte bei der Herstellung von Lebensmitteln haben dazu geführt, dass die Lebensmittelindustrie eine viel größere Vielfalt an Lebensmitteln als früher anbietet. Besonders die "ready-to-eat "-Produkte, die aus der Sicht der Hygiene als bedenklich einzustufen sind, haben zugenommen. Die längere Lagerung bei Kühltemperaturen hat z. B. zum verstärkten Auftreten von Listeria monocytogenes beigetragen [15]. Die Zunahme des internationalen Handels hat zu einer Verbreitung bei uns ungewöhnlicher Lebensmittel geführt, was im Zusammenhang mit dem Auftreten von Allergien und Kreuzallergien diskutiert werden müsste. Aber auch die Verbreitung von Pathogenen ist so über viele Länder möglich. Die relative Öffnung der Grenzen und die mangelnde Kontrollmöglichkeit kann dazu führen, dass kontaminierte Lebensmittel erst spät erkannt werden, vor allem wenn es sich um geringgradig kontaminierte Produkte handelt.

Reisetätigkeit/Mobilität

Nicht nur die Lebensmittel sondern auch die Menschen sind mobiler geworden. Durch die ausgeprägte Reisetätigkeit steigt die Möglichkeit, Infektionen durch Kontakt mit ungewohnten Erregern zu erleiden und den Infektionserreger nach Hause zu importieren und hier weiter zu verbreiten. Auch der Wunsch mancher Reisender, in Ländern, in denen andere klimatische und hygienische Bedingungen als bei uns herrschen, Risikolebensmittel zu sich nehmen zu wollen, muss als äußerst problematisch gewertet werden. Erschwerend kommt hinzu, dass durch die Bemühungen der modernen Medizin die Zahl der Personen, die ein erhöhtes Erkrankungsrisiko haben, deutlich gestiegen ist. Immunsupprimierte, chronisch Kranke, alte, aber auch sehr junge Menschen sind hierbei besonders gefährdet [10, 12].

Erreger

Nicht nur Tierhaltung, Lebensmittelherstellung und Lebensweise der Menschen haben sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Auch die Erreger selbst haben manchen Wandel durchgemacht. E. coli, der seit langem bekannte Krankheitsbilder wie die Säuglingsdyspepsie oder Reise-bedingte Diarrhöen hervorruft, hat durch das Auftreten von Shigatoxin-bildenden Stämmen eine neue und sehr große Bedeutung gewonnen. Spätestens seit dem Ausbruch in Osaka, bei dem mehr als 10.000 Kinder durch den Verzehr von mit EHEC (enterohämorrhagischen E. coli) kontaminierten Sprossen erkrankten und 121 Kinder ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) aufwiesen, ist der Erreger weltweit bekannt [5]. Campylobacter spp. war zumindest in der Humanmedizin Anfang der 70-er-Jahre des letzten Jahrhunderts noch nicht bekannt und ist in den letzten 20 Jahren in manchen Ländern zum häufigsten Erreger von Lebensmittelinfektionen geworden. Der klassische Vibrio cholerae-Stamm wurde durch ein neue Variante abgelöst. Vibrio cholerae 0:139 hat durch ein phagencodiertes Toxin eine erhöhte Pathogenität erworben und wurde in der letzten Pandemie weltweit verbreitet [4]. Durch den vielfältigen Einsatz von Antibiotika entstehen Multiresistenzen bei Bakterienstämmen, die auch für den Menschen eine Bedeutung haben können. Neben den bereits oben erwähnten VRE ist hierbei z. B. ein multiresistenter Salmonella Newport-Stamm zu erwähnen, der erstmals 1999 in den USA auftrat und sich seither ausgebreitet hat [16]. Viele von diesen neu auftretenden Pathogenen haben ein Tierreservoir. Häufig verursachen sie bei den Tieren aber keine Krankheitserscheinungen, so dass ihre Weiterverbreitung durch Absondern erkrankter Tiere nicht vermieden werden kann. Dies macht es erforderlich, dass ggf. Überwachungsprogramme an die Situation adaptiert werden müssen.

Erkrankungsraten / Meldepflicht

Abb.1: Erfassung von Lebensmittelinfektionen (nach CDC) [16]

Pyramide: Erfassung von Lebensmittelinfektionen (nach CDC)

Die Zahl an Lebensmittelinfektionen, die jährlich in Deutschland bekannt und registriert werden, stellt mit Sicherheit nur die Spitze eines Eisberges dar. Auf jeder Stufe bis zur tatsächlichen Meldung des Verdachtes einer Lebensmittelinfektion geht Information verloren (Abb. 1). Nur wenn eine Erkrankung schwerere Symptome verursacht, wird ein Betroffener einen Arzt aufsuchen und dieser wird nur in Ausnahmefällen eine entsprechende Labordiagnostik veranlassen. Eine Häufung von Erkrankungen wird nur dann auffallen, wenn entweder mehrere Patienten bei demselben Arzt erscheinen oder wenn es sich um einen eher ungewöhnlichen Stamm handelt. Die nach Bundesseuchengesetz durchgeführte Meldung von Erkrankungen, die vom klinisch tätigen Arzt erfolgen sollte, hatte sich in den vergangenen Jahren als verbesserungswürdig herausgestellt. Folgerichtig wurde das Meldewesen im Infektionsschutzgesetz (IfSG), welches das Bundesseuchengesetz (BSeuchG) ablöste, überarbeitet. Die Meldepflicht obliegt - von wenigen Ausnahmen abgesehen - jetzt dem untersuchenden Labor. Inwieweit dies zu gravierenden Änderungen bei der Verfolgung von Infekten führen wird, bleibt abzuwarten. Beim Vergleich gemeldeter Erkrankungen ist zumindest der Vergleich der Zahlen von jetzt zu den früher gemeldeten Zahlen mit Vorsicht vorzunehmen. Man ging jedoch auch zu Zeiten des BSeuchG davon aus, dass es sich bei den gemeldeten Salmonelleninfektionen im wesentlichen um durch Lebensmittel übertragene Infektionen handelte (Abb. 2).

Abb. 2: Inzidenzraten für Gastroenteritiden in Deutschland 1995 - 2000 (Daten Robert-Koch-Institut)

Grafik: Inzidenzraten für Gastroenteritiden in Deutschland 1995 - 2000 (Daten Robert-Koch-Institut); weniger Salmonellen, mehr Enteritis

Die seit dem Inkrafttreten des IfSG an das Robert-Koch-Institut übermittelten Salmonellosen sind in der Abb. 3 dargestellt. Die Erkrankungsrate war im Jahr 2003 um 13% niedriger als im Vorjahr, aber die Salmonellosen sind noch immer die am häufigsten nach IfSG übermittelten Krankheiten [3]. Eine Häufung der Krankheitsfälle ist typischerweise im Sommer und im Herbst zu beobachten. Auch Campylobacteriosen, die nach den Salmonellosen am häufigsten potenziell mit Lebensmitteln assoziierten Erkrankungen, treten gehäuft zwischen Juni und November auf. Die übermittelte Zahl an Erkrankungsfällen war im Jahr 2003 ebenfalls leicht rückläufig. Erkrankungen, die durch EHEC hervorgerufen werden, traten insgesamt weitaus seltener auf (n = 1.135) und wiesen keinen so ausgeprägten Sommer und Herbstgipfel auf (Abb. 4).

Abb. 3: An das Robert-Koch-Institut übermittelte Salmonellosezahlen in den Jahren 2001 - 2003 [3]

Grafik: An das Robert-Koch-Institut übermittelte Salmonellosezahlen in den Jahren 2001 - 2003

Die geographische Verteilung der gemeldeten Erkrankungen variierte zwischen den einzelnen Erregern. Bei den Salmonellosen wurden die meisten Erkrankungen aus den östlichen Bundesländern gemeldet, die Ursache für diese Häufung ist jedoch unklar. Die höchsten Inzidenzen für EHEC-Erkrankungen traten in Rheinland-Pfalz, Bayern und Bremen auf, aber auch in anderen Bundesländern wurden regional begrenzte Erkrankungshäufungen beobachtet. Die Inzidenz von Campylobacteriosen lag in Sachsen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, im Saarland, Berlin, Thüringen, Brandenburg, Bremen und Sachsen-Anhalt zum Teil deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Aber auch in Bundesländern mit unterdurchschnittlichem Vorkommen von Campylobacter-Enteritiden gab es Kreise mit einer sehr hohen Inzidenz [3].

Abb. 4: An das Robert-Koch-Institut übermittelte EHEC-Erkankungen in den Jahren 2001 - 2003 [3]

EHEC: An das Robert-Koch-Institut übermittelte EHEC-Erkankungen in den Jahren 2001 - 2003

Sehr junge, sehr alte sowie immunsupprimierte Menschen gelten als besonders infektionsgefährdet. Bei allen drei Erkrankungen wurde im Jahr 2003 wie auch in den Vorjahren die höchste Erkrankungsrate bei Kindern beobachtet. Die Daten für Salmonellosen sind in Abb. 5 dargestellt. Bei den EHEC-Erkrankungen war die gehäufte Inzidenz bei Kindern unter 5 Jahren noch stärker ausgeprägt. Das Fehlen des in der internationalen Literatur beschriebenen zweiten Häufigkeitsgipfels im höheren Lebensalter wurde auf die bei Erwachsenen nicht durchgeführte kulturelle Stuhldiagnostik zurückgeführt. Bei den Campylobacteriosen war neben der bereits beschriebenen Häufung von Erkrankungen bei Kindern ein zweiter Häufigkeitsgipfel bei der Gruppe der 20 - 29-Jährigen zu verzeichnen. Dies wird auch aus anderen europäischen Ländern berichtet. Mit Ausnahme der Salmonellosen waren meist mehr Jungen und Männer betroffen, lediglich beim zweiten Erkrankungsgipfel der Campylobacter-Enteritiden waren geringgradig mehr Frauen erkrankt [3].

Abb. 5: An das Robert-Koch-Institut übermittelte Salmonellosen/ 100.000 Einwohner nach Alter und Geschlecht, 2003 (n= 62.958) [3]

 An das Robert-Koch-Institut übermittelte Salmonellosen/ 100.000 Einwohner nach Alter und Geschlecht, 2003 (n= 62.958)

Risikolebensmittel

Als klassische Risikolebensmittel gelten Fleisch und Fisch, alle mit Ei hergestellten Speisen sowie Lebensmittel, die nicht vollständig durchgegart werden. In einem WHO-Bericht [17] wurden bei durch Lebensmittel übertragenen Ausbrüchen in 23 % der Fälle der Verzehr von Fleisch und Fleischprodukten bzw. Kuchen und Eis angegeben. In 16 % waren Pudding oder Cremes die Ursache für die Lebensmittelvergiftung, in 7 % Ei und Eiprodukte und in 5 % Mayonnaise oder Salate. Die übrigen Lebensmittel, Geflügel und Geflügelprodukte (3 %), Milch und Milchprodukte (2 %), zusammengesetzte Lebensmittel (3 %), spielten eine geringere Rolle im Infektionsgeschehen. Bei den begleitend erhoben Daten wurde als Ort der Kontamination in 42 % der Betrieb angegeben, in dem das Lebensmittel hergestellt worden war. In 35 % der Fälle wurde das Lebensmittel in Privathaushalten verzehrt, in 23 % in Restaurants und in 18 % in Schulen und Kindergärten. 31 % waren zum Zeitpunkt des Verzehrs roh gewesen.

Überwachung der Lebensmittelqualität

Die Überwachung der Lebensmittelqualität war früher auf die Kontrolle des Endproduktes ausgerichtet. Darüber hinaus ging man einzelnen Krankheitsfällen nach und versuchte, die Infektionsquelle zu ermitteln. Dieser Weg wird auch heute noch begangen und kann auch sehr erfolgreich sein, wie das folgende Beispiel zeigt. Im Rahmen von Routinekontrollen wurden in Bayern im Landkreis 1 im Winter 2003 in Pfefferbeissern das bei EHEC vorhandene Gen stx2 molekularbiologisch nachgewiesen. Bei der daraufhin in der Metzgerei durchgeführten Umgebungsuntersuchung erwies sich die Stuhlprobe einer Verkäuferin als stx1 positiv. Die Metzgerei hatte die Pfefferbeisser lediglich verkauft, deshalb wurde die Herkunft des Lebensmittels weiter nachverfolgt. Die Pfefferbeisser waren über einen Großhändler in einer Stadt A geliefert worden. Der Hersteller hatte seinen Sitz in der Stadt B im Landkreis 2. Bei einer Umgebungsuntersuchung im Herstellerbetrieb erwies sich der Stuhl von 5 von 90 insgesamt untersuchten Metzgern als stx-positiv (4-mal stx2, 1-mal stx1). Das Fleisch stammte jedoch von einer Schlachterei in einem dritten Landkreis. Auch hier wurde eine Umgebungsuntersuchung durchgeführt. Bei 7 von 173 untersuchten Personen waren die Stuhlproben stx-positiv (3-mal stx1 und 4-mal stx2). In einer von 4 untersuchten Fleischproben konnte VTEC (Verotoxin-bildende E. coli) kulturell nachgewiesen werden. Daraufhin wurden 1.600 kg Ware zurückgerufen.

Bei der häufig geringgradigen Kontamination von Lebensmitteln und dem überregionalen Vertrieb sind Häufungen von Krankheitsfällen nicht mehr unbedingt leicht erkennbar. Ein Hinweis kann das Auftreten eher ungewöhnlicher Spezies sein. So waren im Jahr 2003 bei Kleinkindern Enteritisfälle aufgefallen, die durch S. Agona verursacht worden waren. Die intensive Recherche ergab, dass eine mögliche Ursache das Trinken von Kräutertees sein könnte. In mehreren Bundesländern wurden daraufhin Tees untersucht, da die Krankheitsfälle überregional auftraten .In Bayern wurden zunächst 244 Tees von den Kontrollbehörden eingesammelt. Je nach Ausweisung durch die Hersteller handelte es sich um Lebensmittel oder um Arzneitees, die sich aber durchaus nebeneinander auf dem Regal im Handel finden können. Als sich einige positive Proben fanden (s. Tabelle 1) wurden die Rohstoffe untersucht. Es schien vor allem eine aus dem Ausland gelieferte Ladung Anis, die bundesweit verkauft worden war, als Kontaminationsquelle in Frage zu kommen. Auf den Teepackungen war die Anweisung angegeben, die Tees mit kochendem Wasser zu überbrühen und mindestens 10 Minuten ziehen zu lassen. Diese Kräutertees werden häufig Kleinkindern mit Bauchschmerzen gegeben und es ist damit zu rechnen, dass die Brühzeit und die notwendige Abkühlzeit nicht eingehalten werden, weil die Dauer der Brühzeit von der Bevölkerung nur mit der Intensität des Aromas aber nicht mit der Absterbekinetik von Salmonellen in Verbindung gebracht wird. Deshalb konnten die Hersteller zu einem Rückruf der Ware bewegt werden.

Tabelle 1: Untersuchungsergebnisse von Kräutertees in Bayern
Kräutertees >Anzahl der Proben Salmonellen-positive Proben
Lebensmitteltees 175 7%
Arzneitees 69 10%
Rohstoffe
Anis 37 24%
Sonstige 113 2%

Forschungsnetzwerk / Forschungsprojekt Lebensmittelinfektionen

Um Lebensmittelvergiftungen besser nachzuverfolgen und dadurch indirekt die Lebensmittelqualität zu verbessern, ist ein Forschungsnetzwerk Lebensmittelinfektionen in Deutschland gegründet worden.
Die Projektkoordination hat das Robert-Koch-Institut, als weitere Teilnehmer sind das BgVV (jetzt BfR- Bundesinstitut für Risikobewertung), Kinderkliniken in Bremen und Freiburg, Hygieneinstitute in Hamburg und Münster, Untersuchungsämter in Niedersachsen und Bayern sowie das Nationale Referenzzentrum in Wernigerode beteiligt. Innerhalb des Forschungsnetzwerkes gibt es mehrere Teilprojekte, an denen die Netzwerkpartner in unterschiedlichem Ausmaß beteiligt sind.

Im Teilprojekt 1 "Intensivierte Surveillance und Risikofaktoren für bakterielle Lebensmittel-bedingte Infektionen " werden Infektionen, die durch EHEC und ausgewählte Salmonellenserovare hervorgerufen werden, intensiv überwacht. Eine Fall-Kontrollstudie über Risikofaktoren für EHEC-Erkrankungen ist in ihrem praktischen Teil abgeschlossen, die Auswertung der Daten erfolgt zur Zeit. Weiterhin werden EHEC-Ausbrüche näher untersucht und es wurde ein deutsches "Pulsnet " für die Feintypisierung bakterieller Enteritiserreger gegründet.

Das Teilprojekt 2 beschäftigt sich mit Campylobacter-Infektionen. Dazu gehören die Erkennung und Untersuchung von Ausbrüchen, die durch Campylobacter hervorgerufen wurden, eine Studie zur Inzidenz von Campylobacter-Infektionen (Beginn war Mitte 2003), bei der besonders das Verhältnis Stadt/ Land untersucht wird und eine Studie zur quantitativen Risikoabschätzung für humane Campylobacter-Infektionen, die durch den Verzehr von Geflügelfleisch hervorgerufen werden (Beginn war Juni 2002). In Bayern werden folgende Teilprojekte bearbeitet: Fall-Kontroll-Studie zum Auftreten von EHEC-Erkrankungen, intensivierte Surveillance von EHEC-Infektionen durch Untersuchungen über das Vorkommen von EHEC in Trink-, Oberflächen- und Abwasser. Die Untersuchung von Trink- und Oberflächenwasser wurde von 1998 bis 2002 durchgeführt, die Untersuchung von Abwasser läuft seit Beginn des Jahres 2003.

Bis September 2003 wurden für das Teilprojekt 2 insgesamt 243 Geflügelfleischproben untersucht. 26 % wiesen eine Kontamination mit C. jejuni auf, 15 % mit C. coli und ebenfalls 15 % mit nicht differenzierbaren, thermophilen Campylobacter spp. 44 % der Proben waren negativ. Die Untersuchung von Trinkwasserproben wurde nicht repräsentativ für Bayern durchgeführt, sondern die von den Gesundheitsämtern im Rahmen ihrer Routineüberwachung oder im begründeten Verdachtsfall auf eine Kontamination gezogenen Proben wurden auf EHEC weiteruntersucht. Die Ergebnisse sind in Tabelle 2 aufgeführt. Es fällt auf, dass vor allem Einzelwasserversorgungen, d. h. Privatbrunnen, betroffen waren. Der häufig nicht völlig zufriedenstellende technische Standard von solchen sich vorzugsweise im ländlichen Raum befindlichen Einzelwasserversorgungen stellt bundesweit ein Problem dar.

Tabelle 2: Vorkommen von EHEC in Trinkwasserproben in Bayern 1998-2002
Probenart Jahr Probenzahl E.coli + EHEC +
Einzelwasserversorgung 1998 814 18,4% 0,2%
1999 715 22,2% 1,3%
2000 555 24,7% 3,2%
2001 584 18,8% 2,4%
2002 703 21,5% 1,8%
Zentralversorgung 1998 3914 2,2% 0%
1999 4473 2,4% 0,04%
2000 4040 1,6% 0,07%
2001 4638 2,1% 0,11%
2002 4488 3,5% 0,13%

Im Teilprojekt 3 des Forschungsvorhabens wird die Inzidenz von und die Risikofaktoren für EHEC-Infektionen auf lokaler versus regionaler Ebene untersucht und im Teilprojekt 4 findet eine intensivierte Surveillance des hämolytisch-urämischen Syndroms statt, welches in der Folge einer EHEC-Infektion auftreten kann.

Die im Forschungsprojekt erhobenen Daten werden wertvolle Hinweise liefern, wie Lebensmittel-bedingte Infektionen, weiter verringert und vermieden werden können. Gerade die Analyse der Risikofaktoren macht zielgerichtetes Handeln erst möglich.

Literatur

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