OHRKAN - Studie zur Hörfähigkeit unter Jugendlichen
Der Sachbereich Arbeits- und Umweltepidemiologie des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit führt gemeinsam mit der Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie der Universität Regensburg die epidemiologische Studie OHRKAN durch. Das Projekt wird vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit gefördert. Die erste Projektphase hat im Sommer 2009 begonnen und endet im Dezember 2011.
Hintergrund
Ein gutes Hörvermögen ist Grundvoraussetzung für eine gute Lebensqualität, für Kommunikation und soziale Kontakte, für gute schulische Leistungen und den Erfolg am Arbeitsplatz. Hörschäden führen daher zu großer Belastung von Betroffenen und - wenn sie in der Bevölkerung häufig vorkommen - auch der Gesellschaft.
In den 1990er Jahren lösten Untersuchungen der Hörfähigkeit unter Rekruten bei der Musterung Besorgnis aus: Unter den 18 bis 24-jährigen Männern litt bereits circa ein Viertel unter einer Hörminderung. In anderen Studien wurden bereits Höreinschränkungen von Schülern festgestellt. Repräsentative Daten darüber, wie gut Jugendliche in Bayern heutzutage tatsächlich hören, fehlen jedoch.
Auch sind die Ursachen von Hörschäden unter Jugendlichen noch nicht geklärt. Wenn Hörschäden tatsächlich häufiger als früher auftreten, wodurch ist dieser Anstieg begründet? In den vergangenen Jahren ist Freizeitlärm als möglicher Risikofaktor für Gehörschäden verstärkt in das Blickfeld der Öffentlichkeit gelangt. Insbesondere Diskotheken- und Konzertbesuche und Musikkonsum über tragbare Musikabspielgeräte wie MP3-Player stehen im Verdacht, für Gehörschäden unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen verantwortlich zu sein. Die dabei erreichten Schalldruckpegel von 100 dB(A) oder mehr legen die Vermutung nahe, dass sie Ursache von Gehörschäden sein könnten. Basierend auf einer theoretischen Herleitung kam z. B. im September 2008 die Kommission SCENIHR der Europäischen Union zu dem Schluss, dass bei Nutzung eines MP3-Players bei 89 dB(A), für mehr als 5 Stunden in der Woche über einen Zeitraum von 5 Jahren und länger, mit einer Erhöhung des Risikos eines irreversiblen Gehörschadens zu rechnen ist. Die Kommission stellte jedoch auch fest, dass dieser Zusammenhang in epidemiologischen Studien noch nicht belegt werden konnte.
Die Untersuchung des Gehörs von Jugendlichen und die Identifikation von Ursachen für Hörschäden bei Jugendlichen sind sehr wichtig, um im Weiteren präventive Maßnahmen zu entwickeln. Auch ist wichtig festzustellen, welche Gruppen von Jugendlichen besonders gefährdet sind, um diese Gruppen gezielt ansprechen zu können. Und genau das sind die Ziele der OHRKAN-Studie.
Zielsetzung
Die Studie soll Antworten auf folgende Fragen liefern:
- Wie gut hören die Jugendlichen heutzutage in Bayern? Wie viele haben bereits erste lärmbedingte Hörschäden?
- Wie häufig hören Jugendliche Musik über Kopfhörer (z. B. mit MP3-Playern)? Wie laut ist die Musik im Allgemeinen? Wie häufig besuchen die Jugendlichen Konzerte oder Diskotheken?
- Welche Gruppen von Jugendlichen sind besonders gefährdet?
- Wie entwickelt sich die Hörfähigkeit von Jugendlichen über die Jahre? Welche Rolle spielen dabei Einflussfaktoren wie z. B. Musikkonsum oder andere Belastungen?
- Wie können erste Schäden bereits früh bemerkt werden?
Durchführung
Die Basiserhebung wird unter Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 9 in Regensburg durchgeführt. Unter Einschluss von zwei Jahrgängen (2009/2010 und 2010/2011) sollen insgesamt circa 2000 Jugendliche in die Studie einbezogen werden.
Grundsätzlich sollen alle Schülerinnen und Schüler der jeweiligen Jahrgänge teilnehmen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Nationalität, oder bereits bestehenden Problemen mit dem Gehör. Die Teilnahme ist selbstverständlich freiwillig. Wichtig für die Aussagekraft der Studie ist jedoch, dass möglichst viele der Jugendlichen teilnehmen.
Die Jugendlichen werden in den Schulen über die Studie informiert und um Teilnahme gebeten. Von den Teilnehmern werden folgende Daten erhoben:
- Die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten sollen einen Fragebogen ausfüllen, in dem es um den demographischen Hintergrund und die medizinische Vorgeschichte des Jugendlichen geht.
- Die Jugendlichen sollen einen Fragebogen ausfüllen, in dem es vor allem um den Höralltag geht, also um die Belastungen, die üblicherweise auf das Ohr zukommen, und um bereits bestehende Ohrprobleme.
- Die Jugendlichen werden in der Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie der Universität Regensburg untersucht. Diese Untersuchung umfasst eine Tympanometrie (Ohrdruckmessung), eine Tonaudiometrie (ein Hörtest zur Überprüfung des Hörvermögens mit Tönen unterschiedlicher Höhe) und die Messung der otoakustischen Emissionen (DPOAE, gibt Aufschluss über die Hörleistung des Innenohrs). Alle Untersuchungen sind schmerzfrei und ohne Risiko und es entstehen keine Kosten für die Jugendlichen.
Die Fragebögen können rechts unter "Downloads" eingesehen werden.
Langfristig sind Folgeerhebungen geplant. In einem Kohortendesign soll im Abstand von mehreren Jahren jeweils über Fragebogen erfragt werden, wie hoch die aktuelle Lärmbelastung ist und ob sich in der Zwischenzeit die Hörfähigkeit geändert hat. Ebenfalls soll das Gehör in Folgeerhebungen nochmals klinisch untersucht werden.
Aktueller Stand
Fast alle Schulen in Regensburg haben an der Studie teilgenommen.
Die Datenerhebung der Basisuntersuchung hat im Oktober 2009 begonnen und wurde im Juli 2011 abgeschlossen.
Veröffentlichungen
- Twardella D, Perez Alvarez C, Steffens T, Fromme H, Raab U. Hörst Du noch oder pfeift es schon? Hörschäden durch Freizeitlärm bei Jugendlichen und die Studie OHRKAN. Bundesgesundheitsbl 2011; 54: 965–971.
- Raab U, Perez Alvarez C, Steffens T, Fromme H, Twardella D. Hörst du noch oder pfeift es schon? – "Ohrkan", eine Studie zum Hörstatus von Jugendlichen. 5. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Berlin, 21.-25. September 2010.
- Twardella D. OHRKAN – An epidemiologic study on hearing in adolescents. Workshop of the European Network on Noise and Health ENNAH. Athen, 22.-23. November 2010.
Referenzen
- Babisch, W., H. Ising, and D. Dziombowski, Einfluß von Diskothekbesuchen und Musikhörgewohnheiten auf die Hörfähigkeit von Jugendlichen. Zeitschrift für Lärmbekämpfung, 1988. 35: p. 1-9.
- Struwe, F., et al., Untersuchung von Hörgewohnheiten und möglichen Gehörrisiken durch Schalleinwirkungen in der Freizeit unter besonderer Berücksichtigung des Walkman-Hörens, in WaBoLu-Hefte: Gehörgefährdung durch laute Musik und Freizeitlärm, W. Babisch, et al., Editors. 1996, Umweltbundesamt: Berlin. p. 44-154. http://www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/214.pdf (PDF, 17,3 MB).
- Niskar, A.S., et al., Estimated prevalence of noise-induced hearing threshold shifts among children 6 to 19 years of age: the Third National Health and Nutrition Examination Survey, 1988-1994, United States. Pediatrics, 2001. 108(1): p. 40-3. http://pediatrics.aappublications.org/cgi/reprint/108/1/40 (PDF, 300 KB).
- SCENIHR, Potential health risks of exposure to noise from personal music players and mobile phones including a music playing function. 2008, Scientific Committee on Emerging and Newly Identified Health Risks, European Commission. http://ec.europa.eu/health/ph_risk/committees/04_scenihr/docs/scenihr_o_018.pdf (PDF, 620 KB).

, 700 KB)